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in Vorbereitung: 3onTour!
Kasachstan (Uli)

  
Kasachstan
20. Juli 2008

Kasachstan (Uli)

5.7.2008 - 18.7.2008

5185 km, Nukus (UZ)

Aktau - Shetpe - Beneau

Bei klarem Himmel, ruhiger See und tiefblauem Kaspischen Meer - hier ist es zum Glück wieder blau im Gegensatz zum verdreckten Wasser bei Baku - erreichen wir die Küste bei Aktau, einer Hafenstadt umgeben von Tausenden Kilometern Wüste und Steppe. Als jeder beginnt, die Sachen zusammenzupacken sickert eine Neuigkeit durch: die Anlegestelle ist von einem anderen Schiff besetzt, wir müssen 24 Stunden warten, bis sie frei wird. Das ist Asien.
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Einer der lustigen und netten LKW Fahrer auf der Fähre von Baku (AZ) nach Aktau (KZ) (KZ, Juli 2008)
Einer der lustigen und netten LKW Fahrer auf der Fähre von Baku (AZ) nach Aktau (KZ) (KZ, Juli 2008)
Also wieder warten. Aber mit den netten LKW Fahrern und den polnischen , französischen und amerikanischen Reisenden ist alles sehr kurzweilig. Wir machen das beste draus und amüsieren uns. Am nächsten Tag am Abend bewegt sich das Schiff wieder, Richtung Hafen. Als das Schiff anlegt, warten bereits alle Passagiere vor dem Ausgang. Doch vorerst passiert wieder nicht viel. Das höhere, kasachische Grenzpersonal betritt das Schiff und wird für 2 Stunden hinter verschlossenen Türen zum Essen eingeladen. Schmieren auf die feine Art. Dann dürfen die Leute vom Schiff. Nun stehen alle Passagiere mit ihrem Gepäck auf der Anlegestelle, und wieder passiert nicht viel. Dann muss jeder sein Gepäck auf einen grossen, offenen Anhänger legen. Ein Kleinbus kommt und nimmt die ersten Passagiere mit zum Grenzgebäude. In der 3. Fuhre sind wir dabei. Im Gebäude sind nun alle Passagiere untergebracht. Wieder passiert längere Zeit nicht viel. Nach einer Stunde erscheint plötzlich der Anhänger mit dem Gepäck. Alle Passagiere verlassen wieder das Gebäude, holen sich ihr Gepäck und müssen es in der Mitte des Grenzgebäudes abstellen. Als dies geschehen ist, wird das Gepäck gecheckt. Dann wird wieder gewartet. Und dann beginnt die Passkontrolle. Zuerst dürfen die Kasachen, dann die Aserbaidschaner und dann der Rest. Nach der Einreise müssen jene, die Fahrzeuge noch am Schiff haben zurück zur Fähre. Also auch wir. Diesmal aber zu Fuss, der Kleinbus ist verschwunden.

Die Relativität von Raum und...

Es ist nun bereits 21 Uhr. Unsere Räder stehen zwar im Schiffsbauch "griffbereit", aber wir haben unser Gepäck aus Sicherheitsgründen in den Landcruiser von Philippe geladen, und der steht ein Stockwerk tiefer. Darüber stehen rund 30 Eisenbahnwaggons. Das Problem: es gibt keinen Lokführer, der diese aus dem Schiffsbauch zieht. Wir warten 5 Stunden, um 2 Uhr Früh rollen 2 Loks an und nach 1 Stunde sind die PKWs zugänglich. Als wir um 3 Uhr früh zur Ausreise am Hafen radeln, eine weitere Neuigkeit: wegen einem Feiertag - der kasachische Präsident hat Geburtstag - ist der Zoll für 2 Tage geschlossen. Wir - besser gesagt die Fahrzeuge und unsere Räder - müssen also für diese Zeit im Hafen bleiben. Also bauen die Handvoll Touristen ihr Nachtlager und Zelte bei einer Ölpipeline auf und legen sich für ein paar Stunden aufs Ohr. Denn um 7 Uhr früh ist es bereits wieder unterträglich heiss. Am nächsten Tag machen alle das beste draus. Mit den LKW Fahrern aus Georgien und Kasachstan ist es wieder sehr lustig, Bier und Wodka wird getrunken, Brot und Käse wird gereicht. Wir baden im Meer und gehen auf ein Bier in ein nahegelegenes Magazin. Am nächsten Tag bei der Ausreise stelle sich schliesslich heraus, dass wir mit unseren Rädern den Zoll nicht benötigen, das Hafenpersonal hat uns beide nur irrtümlich festgehalten...
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Eine gute Zeit mit den LKW Fahrern im Hafengelände von Aktau (KZ, Juli 2008)
Eine gute Zeit mit den LKW Fahrern im Hafengelände von Aktau (KZ, Juli 2008)
Über unseren weiteren Streckenverlauf haben wir uns am Schiff natürlich intensiv erkundigt - wir hatten ja genügend Zeit dafür. Die LKW Fahrer haben uns dringlichst von der Strecke abgeraten - diese heisst übersetzt "die Strasse des langen Todes". Es sei reine Schotterpiste, es sei nirgendwo Schatten, es gebe keinerlei Versorgung und die Steppe sei voller Giftschlangen. Sie waren sichtlich besorgt um uns. Viele haben sich angeboten, uns bis nach Beneau - dem Ort nahe der usbekischen Grenze - mitzunehmen. Aber so schlimm kann alles auch wieder nicht sein, dass es Schotterpiste ist, verwundert uns allerdings sehr, ist es doch die einzige und wichtige Verbindung zum restlichen Kasachstan. Wie dem auch sei, nach ein paar Einkäufen und nach der leidlichen Registrierung unserer Visa bei der Polizei brechen wir mit unseren Rädern Richtung Nord-Osten auf. Richtung Beneau.

Auf in die kasachische Steppe

Wir merken sofort, dass wir wieder einen weiteren, grossen Schritt Richtung Asien getan haben. Die meisten Menschen haben mongolisches oder chinesisches Aussehen, mit schmalen, länglichen Augen, dunklerer Hautfarbe und schwarzen Haaren. Die Steppe ausserhalb der Stadt ist gleich sehr karg. Nur ganz
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Familie in einem kleinen Dorf (KZ, Juli 2008)
Familie in einem kleinen Dorf (KZ, Juli 2008)
niedriges Buschwerk oder nur Gras. Ja, Schatten finden ist hier wirklich fast unmöglich. Anfangs, dort wo die Strasse noch asfaltiert ist, gibt es auch einige sehr schöne Felsabbrüche, weite Täler und ein paar Felsen. Das gefällt uns sehr gut. Am ersten Morgen nach Aufbruch lernen wir die brutalen Seiten der kasachischen Steppe kennen. Schon in der Nacht fängt der Wind heftig zu blasen an, und als wir in der Früh aufbrechen, hat er orkanartige Ausmasse angenommen. Mit beeindruckender Kraft bläst er uns direkt von der linken Seite an. Anfangs versuchen wir noch zu radeln, aber wir können kaum dagegenhalten. Unsere schwerbepackten Räder rutschen immer wieder in die Schotterbank rechts der Strasse und wir drohen zu stürzen. Also müssen wir absteigen und die Räder schieben. Auch das ist anstrengend, denn nun geht es wieder einen Hang hinauf. Oben angelangt sehen wir ein, dass es keinen Sinn hat weiterzumachen. Bine will natürlich wieder einen Lift nehmen, ich bin fürs abwarten. Zum Glück ist der Himmel bedeckt, so ist die Temperatur gerade noch erträglich. Gegen Mittag hat der Wind etwas nachgelassen und wir können wieder radeln. Nun fängt es sogar ein wenig zu regnen an. Mitten in der Steppe! Aber wir kommen voran. An den nächsten Tagen ist der Himmel klar, und spätestens am Mittag wird es unerträglich heiss. Viele Kamele spazieren durch die Steppe, ihnen scheint die Hitze nichts auszumachen. Die Strasse ist nun in die bereits prophezeite Schotterpiste übergegangen. Am Rand der Piste ist sie für uns eigentlich ganz gut radelbar. Wir können so immer über 10 km/h fahren, was nicht schlecht ist. Nach einem breiten Tal geht die Piste in ein paar Serpentinen wieder auf das normale Niveau hinauf. Es ist brennheiss, tiefer Schotter und ein richtig steiler Anstieg. Immer wieder muss ich stehenbleiben, das Blut hämmert gegen meine Schläfen, mein Mund ist komplett ausgetrocknet. Oben angekommen sehe ich links der Strasse eine Hausruine wie es scheint.
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Tankstelle im Nirgendwo in der kasachischen Steppe (KZ, Juli 2008)
Tankstelle im Nirgendwo in der kasachischen Steppe (KZ, Juli 2008)
Aber ein Raum davon ist noch in Ordnung, und das ganze entpuppt sich als Chaykana - den typischen Teehäusern, die mit Tee und einfachen Speisen als Raststätte dienen. Unsere Rettung! Kühle Getränke und Suppe zum Essen. Was für ein Glück. Danach legen wir uns auf den Dachboden, der auf einer Seite vom kaputten Dach noch Schatten bekommt, und ruhen uns aus. Ohne dieser Raststation wäre es für uns eine Qual gewesen.

Der lange Tod

Ab diesem Quartier beginnt für uns im nachhinein betrachtet die "Strasse des langen Todes". Denn ab nun geht die Strasse für 300 Kilometer so gut wie nur gerade aus, ohne irgendeinem Gefälle, und ohne irgendeinem Schatten. Wirklich keinem, ausser ein paar schmächtigen Verkehrsschilder vielleicht. Die raren Chaykanas sind unsere einzige Rettung. Es wird daher nun zu unserem normalen Rhythmus, dass wir möglichst früh aufstehen, maximal bis Mittag radeln um dann bis so 17 oder 18 Uhr irgendwo im Schatten zu rasten, hoffentlich in einer Chaykana. Auf diesem harten Abschnitt ändert sich nichts, weder die Strasse noch die Landschaft um uns herum. Wir haben tatsächlich das Gefühl wir treten auf der Stelle, nichts scheint weiter zu gehen. Die fehlenden Kilometerangaben verstärken dieses Gefühl. Als sich am Horizont etwas dunkles abzeichnet, werden wir neugierig. Als wir näher kommen entpuppt sich das Gebilde als 3 Bäume, die rund ein Kilometer abseits der Strasse stehen. Wir radeln hin und entdecken ein Haus, das tatsächlich über Bäume verfügt! Wir fragen, ob wir uns im Schatten ausruhen dürfen. Können wir. So schmoren wir bei nur mehr 50 Grad im Schatten dahin. Erholung ist auch hier schwer. Wir sind nun ganz in der Nähe der Bahnlinie die von Aktau nach Norden verläuft. Sie geht immer rund 1-2 Kilometer östlich der "Strasse des Todes" entlang, und wir erfahren dass hier gleich eine Bahnstation ist, die über ein kleines "Magazin" - Geschäft - verfügt.. So radeln wir noch dorthin, erstehen ein paar kühle Getränke, und radeln am Abend noch bis Sonnenuntergang.
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Bine auf der 'Strasse des langen Todes' (KZ, August 2008)
Bine auf der 'Strasse des langen Todes' (KZ, August 2008)
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Uli radelt die 'Strasse des langen Todes' von Shetpe nach Beneau (KZ, August 2008)
Uli radelt die 'Strasse des langen Todes' von Shetpe nach Beneau (KZ, August 2008)
Die Nächte sind zum Glück sehr angenehm. Nach Sonnenuntergang kühlt es so weit ab, dass wir eigentlich ganz gut schlafen können. Und Schlangen sehen wir natürlich keine einzige. Insofern - aber eigentlich nur insofern - hatten unsere lieben LKW Fahrer von der Fähre unrecht. Dank unserer guten Taktik, Glück zur richtigen Zeit Schatten gefunden zu haben und dank unseres Durchhaltevermögens, entgehen wir dem langsamen Tod, und erreichen die Nähe von Beneau. Dort ist wieder Asfalt, und wieder mehr Chaykanas. Wir haben es tatsächlich geschafft!

Der kleine Shetpe

Doch einen weiteren Prüfstein hält dieses Land für uns bereit. Diesen nehme ich mitten in der Steppe als leises Winseln wahr. Als ich stehenbleibe entdecke ich einen kleinen, ein paar Wochen alten Hund am Strassenrand. Völlig ausgehungert und schwach siecht er in der Steppe. Es ist für uns sofort klar, dass wir den Kleine mitnehmen müssen, sonst überlebt er nicht mehr lange. In der Lenkertasche findet der ausgehungerte Hund fürs Erste leicht Platz. In unseren Vorstellungen haben wir schon länger davon geredet, eventuell mit einem Hund zu reisen, wenn wir irgendwo einen "aufklauben" sollten. Es ist also wie ein Schicksal, einen kleinen Hund entlang der "Strasse des langen Todes" vor dem langen Tod retten zu können. Wir entschliessen uns zu versuchen, mit ihm in den nächsten Tagen klar zu kommen um ihn dann eventuell auf unserer weiteren Reise mitzunehmen. Wir nennen ihn "Shetpe", ein Ort entlang der Todesstrasse, dessen Name sehr gut zu dem kleinen Racker passt. Im Hotel päppeln wir ihn auf. Anfangs ist Shetpe noch schwach, ängstlich und selbstverständlich ohne Vertrauen in uns. Aber das alles ändert sich sehr schnell. Allerdings lullt er andauernd auf den Boden des Hotels, wir müssen immer - auch nachts - hinterher wischen. Stubenrein ist er natürlich noch nicht. Wir bemühen uns in dem kleinen Ort um Impfungen und Gesundsheitspapiere für Shetpe. Aber vergeblich. So stellt sich langsam die Frage für uns, wie es weiter gehen soll. Zur Grenze fahren und hoffen dass er drüber kommt? Was, wenn nicht? Wieder bei irgendwem aussetzen. Da sträubt sich bei Bine alles dagegen. Ausserdem brauchen wir Zeit für ihn, die wir nicht haben. Er lullt überall hin, wo ist er wenn wir irgendwo essen, wenn wir mit dem Zug fahren, wenn wir in einer Stadt sind? Nehmen uns überhaupt Hotels an, wenn wir einen Hund mitbringen? Seit wir Shetpe haben können wir kaum schlafen, der ganze Tag dreht sich nur um ihn. Unsere Belange sind zweitrangig geworden. Und auch Bine hat sich verändert, alles dreht sich nur mehr um Shetpe. Was ist mit unserer lang geplanten Reise? Mehr Probleme als wir dachten.
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Erste-Hilfe für 'Shetpe' in der Steppe (KZ, August 2008)
Erste-Hilfe für 'Shetpe' in der Steppe (KZ, August 2008)
Unter Tränen und Überwindung entschliessen wir uns schliesslich beide, Shetpe bei einer guten Familie in Beneau zu lassen. Ich radle alleine - Bine kann das nicht ertragen - zu dem Tieraarzt, bei dem wir schon waren. Und bald findet sich wer, der den Kleinen gerne nehmen würde. Ich bestehe darauf mir selber ein Bild von dem Zuhause zu machen. Mein Eindruck ist mehr als positiv, sie haben schon einen anderen Hund, einen Hof, viele Kinder. Ich denke es wird Shetpe hier gut gehen. Ich montiere noch die Kiste, in der Shetpe mitgereist ist, von meinem vorderen Gepäckträger ab, gebe der Familie noch die Medikament für ihn und radle ohne zurückzuschauen so schnell wie möglich weg. Aufgrund der überlangen Zeit in Baku und auf der Fähre, läuft das usbekische Visum schon seit einer Woche. Da wir also so und so nur mehr drei Wochen für dieses nächste Riesenland haben, sind wir gezwungen, von Beneau zur ersten Stadt Usbekistans, nach Kungrad, mit dem Zug zu fahren. Also, auf zu unserem 8. Land der Tour, auf nach Usbekistan.
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Wo Himmel und Hölle sich treffen - auf der 'Strasse des langen Todes' (KZ, Juli 2008)
Wo Himmel und Hölle sich treffen - auf der 'Strasse des langen Todes' (KZ, Juli 2008)
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