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in Vorbereitung: 3onTour!
der schmaeh laeuft immer noch

  
Australien
16. Januar 2004

der schmaeh laeuft immer noch

redakteur franz losagwas im gespraech mit bine wenzel und uli nullnegativ von pedalglobal

15640 km, coober pedy (AUS)

500 tage auf achse. 15.000 kilometer in den beinen. der 2. jahreswechsel der tour. das 13. land unter den raedern. der 5. jubilaeumspatschen vollbracht. das 2. zelt hinueber. das 400. nudelgericht verdrueckt. 30 liter sprit verkocht. 5 schlafmatten, 2 mal den saettel und 4 kameras ruiniert. bereits ueber 10.000 virtuell mitreisende besucher auf ihrer website. 4 saetze bremsgummis und 2 saetze fahrradmaentel verbraucht. 80 filme verschossen.

zeit eine zwischenbilanz zu ziehen. zeit zu erfahren, wie denn eigentlich der tourenalltag bei pedalglobal aussieht. was die hoehe- und was die tiefpunkte bisher waren. wie momentan ihre raeder und ihre zukunft aussehen. wie es eine deutsche und ein oesterreicher so lange miteinander aushalten koennen. warum die tuerken keine ahnung vom strassenbau haben. warum syrer vor gastfreundschaft halb erfrieren. und warum pedalglobal ein rosa glitzerndes fahrradschloss und ein halben-meter-langes verkehrsschild mit sich herumfuehren.

aus dem fahrradmagazin 'pedalglobal fuer jedermann'. heft 11-79. jaenner 2004.




pedalglobal fuer jedermann (PG): wie gehts euch beiden denn nach 17 monaten nomadenleben?

bine wenzel (BW): danke, gut.

uli nullnegativ (UN): alles roger. no worries, mate.

PG: aha, ich merke, ihr habt die australische lebensart bereits intus.

UN: you got it, mate! nee, mal im ernst, australien ist ein schoenes land fuers radeln. tolle, exotische landschaft, unkomplizierte menschen, herausfordernde strecken. und vor allem das wunderschoene, karge outback. der sternenhimmel?

BW: und nach einem jahr bestaunte zirkusfiguren in asien sind wir nun einfach nur touristen. das tut gut.

PG: und wie schauts mit der hitze aus? ist ja jetzt nicht gerade ideale reisezeit.

BW: das bekommen wir auch andauernd von den australiern zu hoeren. aber das ist nur eingeschraenkt richtig. die wolken und der niederschlag der regenzeit schwaechen den sommer hier ab. in cairns waren wir zur idealen zeit unterwegs. bis hinauf nach darwin. die tropische schwuele haben wir noch zeitgerecht verlassen. und im spaetsommer werden wir an der suedkueste sein. eine gute zeit fuer diese gegend. bei laengeren touren kann man nicht immer und ueberall zur perfekten saison unterwegs sein.

UN: das gilt auch fuer die gesamte tour. im sommer durch europa war super. im herbst und winter durch den mittleren osten und nordafrika ebenfalls. einzig und allein der indische sommer war horrend. 48° C spitze, 35° C in der nacht. wir haben extra einen wassersprueher fuer pflanzen gekauft. um uns in der nacht abzukuehlen. war aber nur eine kurze linderung. und das alles ueber zwei monate lang. aber das hat sich damals halt so ergeben.

PG: indien war ja ganz allgemein ein hartes pflaster fuer euch.

UN: absolut. das schwierigste land. sowohl psychisch als auch physisch eine herausforderung. ueberall menschen. so fremd habe ich mich noch nie gefuehlt.

BW: also fuer mich war es echt ein horror. als mich am ende des aufenthalts in diesem land, in varansasi, wieder mal ein inder mit seinem radl angefahren hat, und mir meine hose dabei vollkommen zerrissen hat, bin ich heulend zusammen gebrochen. ich hab mir nicht einmal mehr den ganges angegukkt. ich wollte nur mehr raus aus dem land. nie wieder indien.

UN: doch erzaehlen wir lieber von den sonnenseiten der reise.

PG: klar. schiesst los.

BW: in indien hat eh viel die sonne geschienen? oke, ich versteh schon was ihr meint. auch wenns nicht leicht war: die tuerkei ist nach wie vor einer meiner favoriten. das anatolische hochland im herbst war super. die menschen total gastfreundlich. und gutes essen. vor allem die doener?

UN: aber bine, du hast doch ziemlich geflucht in kleinasien.

BW: es war auch die meiste strecke verdammt bergig. ausserdem lassen die tuerken keinen huegel, keinen berg aus, um die strasse nicht bis ganz hinauf zu fuehren.

UN: radfahrerische hoehepunkte fuer mich waren das rumaenische donautal. natuerlich auch anatolien. auf der halbinsel sinai in aegypten genossen bine und ich die schoene kueste zwischen nuweiba und dahab. und das bergige inland. traumhaft. nubien war von der landschaft und von den menschen her einmalig. so freundliche, hilfsbereite und positive menschen hatten wir nirgendwo sonst. bei pokhara in nepal hatten wir das ganze annapurna-massiv vor uns.

BW: und vergessen wir nicht die hunderten kleinen begegnungen, die das reisen so schoen und angenehm machen.

PG: fallen euch da spontan ein paar davon ein?

BW: hmm, mal ueberlegen. vor kurzem hat uns, so zwei kilometer nach einem roadhouse, ein auto ueberholt. ist 200 meter vor uns stehengeblieben, hat etwas an den strassenrand gestellt, ist umgedreht. und hat uns beim zurueckfahren freundlich gegruesst. als wir an die stelle kommen, steht dort eine eisgekuehlte flasche tafelwasser. einfach so! im sudan sind wir mitten in der wueste an einer gruppe maenner vorbeigeradelt, die gerade pause machten. als wir passierten, fingen ploetzlich alle an uns zu applaudieren. ein tolles gefuehl.

UN: in einem kleinen ort in syrien half uns ein sehr netter einheimischer beim einkaufen. und war nicht davon abzubringen, uns spaeter zum tee und dann sogar zum essen einzuladen. es regnete und es war winter, also richtig kalt. er begann zu frieren und zu zittern. wir sagten zu ihm, dass wir uns doch lieber irgendwo reinsetzen sollten. doch er antwortete nur: 'I just want you to have a good stay in syria.' ruehrend. mir hat er richtig leid getan, denn in oesterreich waere er ? ein richtig lieber und gscheiter mensch ? sicher nicht so freundlich behandelt worden. ganz im gegenteil. super wars auch, als wir mitten im outback total abgekaempft, fertig und durstig an einen parkplatz kamen, um dort unser zelt aufzuschlagen. schon von weitem begruesste uns ein mann. und drueckte mir gleich ein kaltes bier in die hand.

BW: ja, das hat dir natuerlich getaugt.

UN: bist ja nur neidig. frauenzeitschriften oder billige liebesromane hat er halt nicht dabei gehabt.

BW: maenner sind zum glueck so leicht zufrieden zu stellen.

UN: naja, ein kinder-ueberraschungsei beschaeftigt dich leicht eine halbe stunde.

PG (lacht): ich sehe, auch nach 17 monaten laeuft noch der schmaeh zwischen euch. wie kommt man denn so lange ? jeden tag, 24 stunden ? auf reisen miteinander klar?

UN: wenn das binerle mehr folgen wuerde, waere es um einiges leichter.

BW: uli! der liebe herr haette gerne eine ernstzunehmende antwort. um ehrlich zu sein: es gibt natuerlich streit. meist wegen belanglosigkeiten, aber auch wegen der tour.

PG: inwiefern?

BW: ich hab halt gern ruhetage?

UN: und ich komme lieber vorwaerts. ein ewiges grunddilemma. aber wir sind beide sehr froh, dass wir uns gefunden haben. es ist schoen!

PG: keine spur von deutsch-oesterreichischer rivalitaet?

BW: ich muss halt immer etwas nachsicht walten lassen mit meinem lieben oesi.

UN: bine kommt aus einer kleinen stadt, um nicht zu sagen dorf, in sueddeutschland. ich glaub sie geniesst die liberale, kosmopolitische aura, die mich aufgrund meiner herkunft umgibt. sie hat sich schon eine gewaehltere sprache angeeignet. 'bist deppert?!' oder 'gusch!' zu mir zu sagen faellt ihr nicht mehr schwer. ihre mutter sagt ihr oefters am telefon: 'kind, du wienerst!'

BW: um den witz fuer die leser verstaendlich zu machen: uli kommt aus wien. das liegt in oesterreich. ihr wisst schon in mitteleuropa. zwischen der schweiz und der bundesrepublik. das kleine land wo alles etwas laenger dauert.

PG: von oesterreich seid ihr ja auch gestartet. wie war das losfahren?

BW: fuer mich nicht so schlimm wie fuer uli. ich hatte meinen abschied ein paar tage vorher. es war furchtbar. stress bis zum ende. und viel zu wenig zeit, um mich von meinen eltern ordentlich zu verabschieden. in den letzten tagen brauchte ich noch neue felgen. ich packte am letzten tag und nahm gleichzeitig noch musik fuer die tour auf. dreimal ist mir der mini disc recorder dabei heruntergefallen. die zugsfahrt war mit x-verspaetungen und geaenderter route noch die draufgabe. (lacht) aber das ist schon lange her.

UN: der start war eine katastrophe. es sind sich bei weitem nicht mehr alle erledigungen ausgegangen. auch wichtige. am abreisetag bin ich um fuenf uhr auf, hab noch am fahrrad herumgeschraubt, CDs aufgenommen, gepackt. viele dinge einfach nur mehr in die packtaschen geschmissen. zehn uhr abfahrt wurde geaendert auf ein uhr gemeinsames mittagessen mit familie und freunden?

BW: und wir hatten keine ahnung, wie weit die strecke zum neusiedlersee ist. zu unserer ersten uebernachtung.

UN: es hat tage gedauert, bis ich auch mit dem kopf auf reisen war.

BW: ich habs auch erst langsam registriert. als wir in ungarn per autofaehre die donau ueberquerten, fing es zu regnen an. die anderen passagiere stiegen in ihre autos. wir schauten uns gegenseitig an und begannen zu lachen. da wurde mir bewusst, dass das nun lange so sein wird. immer wind und wetter ausgesetzt zu sein.

PG: und langsam habt ihr routine in vielen dingen entwickelt?

UN: natuerlich. es gibt viel routine. und auch einen tourenalltag.

PG: wie schaut der bei euch aus?

BW: kommt natuerlich aufs land drauf an. aufstehen, in indien oder australien sehr frueh aufstehen. fruehstueck in irgendeiner form. momentan muesli mit milchpulver. aber oft war es auch brot mit irgendwas drauf. alles zusammen sicher nichts fuer feinschmecker. wir hams nicht so mit dem kochen.

PG: ich weiss. ich hab eure rezepte im internet gelesen.

UN: dann zusammenpacken. was mittlerweile nicht mal mehr eine halbe stunde in anspruch nimmt. oft haben wir ein gestecktes tagesziel. einen ort, eine raststation, oder einfach so weit wie moeglich. die pausen teilen wir uns vorher ein. meist nach kilometern. trinkpausen, kurze sitzpausen, brotzeitpausen, etcetera.

BW: aber jeder tag entwickelt so seine eigendynamik. es gibt so viele einflussfaktoren. wind, wetter, begegnungen, sehenswuerdigkeiten, pannen, koerplicher schwaechen?

UN: trotz aller routine. wir wissen nie, wo wir abends sein werden. alles kommt anders als gedacht. das macht reisen aus.

PG: beantwortet das auch die beruehmte frage nach dem warum eures unternehmens?

UN: nur zu einem kleinen teil. ich liebe die natur. moeglichst einsam. moeglichste exotisch. kargt. und dies mit eigener kraft, dementsprechend langsam, zu erfahren, zu erleben. das macht meine radlleidenschaft aus. dazu kommt das anziehende des fremden dazu. die laender. die kulturen. alles ist so verschieden. man lernt zu differenzieren. und ein guter teil machen die vielen netten begegnungen mit menschen aus. deswegen schreibe ich auch ?das netz?.

BW: mit anderen reisenden zu plaudern macht ebenfalls grossen spass. interessant, wie unterschiedlich die haufen verrueckter ist. die art und weise ihrer reise. die motivation. ihr lebenslauf und herkunft. in assuan in aegypten trafen wir zum beispiel bojan aus slowenien. ein weltumradler, ein richtiger abenteurer und trotzdem bescheiden. ich schmunzle jetzt noch, als er uns ? gerade ueber ein jahr ALLEINE den afrikanischen kontinent runter und rauf geradelt ? von seiner nahenden rueckkehr in seine heimat erzaehlte. er freue sich, so sagte er, nach seiner ankunft eine woche in die berge zu gehen. um alleine zu sein. (lacht) lieb ist auch unser joergilein. stur, brutal ehrlich. auch verletzend. ein richtiger radreisender. und sehr lieb. wir trafen ihn in kairo und karthoum.

UN: und noch viele andere reisende. auch nicht-radler. zarte, alleinreisende asiatinnen mit motorrad. pensionistenpaare mit wohnmobil. mit einer citroen ente durch ganz afrika. eine hollaenderin mit einem 800-kg-fahrrad-road-train durch australien.

PG: ihr habt zwar keinen road-train, aber auch jede menge gepaeck, oder?

BW: ich hab mich daran gewoehnt. aber frag bitte nicht nach dem gewicht. das fragen uns leute andauernd. die antwort: wir wissens nicht.

UN: in australien so um die 80 kilogramm. 1 rad und gepaeck.

PG: und wie halten die raeder?

UN: die fahrraeder sind noch das beste. aber sonst geht schon viel kaputt. mehr als uns lieb ist. das meiste davon steht eh in der einleitung dieses interviews.

PH: woher willst du das wissen? den artikel schreib ja ich.

UN: eben.

BW: besonders aergerlich ist es, wenn so sauteure teile wie zum beispiel die packtaschen verrecken. die scherereien hast einzig und alleine nur du selbst. garantien, umtauschrechte. was hilft dir das mitten in asien?

UN: deswegen kaufen wir vermehrt moeglichst billiges zeug. schaut scheisse aus. fladdert keiner. leicht zu ersetzen. und haelt wider erwarten oft erstaunlich gut.

BW: ein aktuelles beispiel dafuer ist unser neues fahrradschloss. duenn. schwer. in knallrosa glitzernder farbe.

UN (lacht): ja, das gefaellt uns beiden. das mehrgewicht faellt, wie man so schoen sagt, ja nicht weiter ins gewicht. deshalb schleppe ich auch seit 2000 kilometern eine halbe-kilo schwere tafel mit mir herum. ?TRAIN? steht drauf. ein teil der beschilderung der vielen road-trains hier.

PG: und warum?

UN: weil es cool ist.

PG: wie der hut, den du gerade auf hast?

UN: genau. ein freund von mir meint, ich schau damit aus wie ein piefke-tourist. aber er irrt. ich bin cool. stimmts bine?

BW: natuerlich mein schatz.

PG: wie hat bis jetzt euer koerper gehalten?

BW: zum glueck sind wir gesund. und hatten nie etwas ernstes. die verdauung leidet am haeufigsten bei uns beiden. ein paar mal fieber und erbrechen. nix schlimmes.

UN: ich war in indien schwer dehydriert. der arzt verordnete AC, viel trinken und ruhe. zwei mal, einmal im sudan und einmal in indien, wurde ich wegen malariaverdacht untersucht. aber beide mal war das ergebnis zum glueck negativ. um nicht zu sagen nullnegativ (lacht).

BW: und dann war natuerlich noch der busunfall in nepal. die nerven 2 meiner vorderzaehne sind durchtrennt. die zaehne aber nicht gebrochen. die spange zur fixierung kommt wieder raus.

UN: auf jeden fall haben wir riesenglueck gehabt. ein paar wochen spaeter polterte dort ein bus einen hang hinunter. 50 tote!

BW: wir sind vergleichsweise unverletzt geblieben?

PG: wie habt ihr von dem tragischen unfall erfahren?

BW: meine mutter hat es mir per email geschrieben.

PG: haltet ihr euch eigentlich bezueglich weltgeschehen am laufenden? politik, ereignisse. oder seid ihr diesbezueglich hinterm mond?

UN: wir wissen relativ wenig. meist nur ein paar schlagzeilen aus dem internet. sehr grob.

BW: auch in anderen belangen bin ich ueberhaupt nicht mehr up-to-date. musik zum beispiel. neue platten, neue bands. keine ahnung.

UN: um ehrlich zu sein. wirklich bescheid weiss ich nur ueber die ergebnisse und den tabellenstand der oesterreichischen bundesliga. es macht spass, aus der ferne zu verfolgen, wie sich rapid wien wohl oder uebel den meistertitel holen wird.

BW: wenn ich zurueckkomme muss mich meine beste freundin in vielen dingen ?einweisen?. (lacht) bevor ich mich unter freunden wieder blicken lassen kann.

UN: also ueber die ?five angels? weiss ich bescheid. und die neue ? diese britney spears - find ich super.

BW: er meint die ?no angels?.

PG: die gibts nicht mehr.

UN: oh. das ist interessant. egal, einen elton john zieh ich mir immer wieder gern rein.

BW: oweia uli. lass dich auch lieber vom christoph [ulis bruder, anmer. der red.] etwas einweisen, wenn du nachhause kommst.

PG: gutes thema! wielange koennt ihr euch vorstellen, noch unterwegs zu sein? wie schaut die zukunft von pedalglobal aus?

UN: wie heissts so schoen: ? ist am morgen der hase tot, gibts abends schoenwetterbrot?.

PG: aehh?was willst du damit sagen?

UN: keine ahnung. der spruch ist von mir.

BW: wir wollen damit sagen: nichts genaues weiss man nicht.

PG: ihr huellt euch also in schweigen. schade. koennt ihr leuten, die aehnliches wie ihr planen, irgendwelche tipps mitgeben?

BW: passt beim aufnehmen auf euren mini-disc-player auf. und kauft keine ortlieb taschen.

UN: haende weg von drogen. die machen euch hin.

PG: anscheinend wieder so ein spruch. nichtsdestotrotz, vielen dank fuers gespraech. und alles gute weiterhin.

BW: es war uns eine ehre.

UN: catch ya later.

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gespraech: franz losagwas

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