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Langtang Experience 2003 (GASTBEITRAG)

  
Nepal
6. August 2003

Langtang Experience 2003 (GASTBEITRAG)

8910 km, kathmandu (NEPAL)

Zu Besuch bei den beiden Radlern Bine und Uli in Nepal. Auszuege aus meinem Reisebericht. Das Langtang-Abenteuer 2003.

von Stephan Guby.



4. Tag 08.07.03; Route: Kathmandu ' Syabru Besi

Frühmorgens fahren wir mit dem Taxi zum Busbahnhof, finden den richtigen Schalter und warten auf die Abfahrt des Busses. Warten. Gehen noch einmal pissen, öffentliche Bedürfnisanstalt, 2 Rupien. Ich merke, dass manche weniger zahlen. Wird der Preis nach ml bemessen? Nun, nur eine Theorie. Dann fährt der Bus vor, ein bisschen anders als ich mir einen Bus vorgestellt habe, der mich 11 Std. transportieren soll. Aber wieder klärt mich Uli auf: Das ist normal. Wir laden die Rucksäcke in ein kleines Gepäckfach am Heck des Busses, naß und schlammig. Hoffentlich bleibt das Zeug im Rucksack trocken. Wir sitzen, warten, endlich geht es los, denke ich, und dann geht es wirklich los.



local bus - part I

Der Bus ist ein großer Geländewagen, große, uralte Stollenreifen, großer Tiefgang, vielleicht Platz für 30-40 Personen. Er ist reich verziert mit hinduistischen Symbolen, der Name des Fahrers steht in großen Lettern auf der Frontscheibe. An der eher deplaziert wirkenden Stoßstange steht 'max. speed'. Noch weiß ich nicht, was das bedeutet. Die Sitze, die Sitzbezüge, die Fenster, alles sieht zerbrechlich und abgenützt aus, nur die Haltegriffe und das Gestänge rund um den Bus wirken robust. Die Crew besteht aus 3 Personen, dem Fahrer, einem Ticketverkäufer und einem lebenden Rückspiegel. Als der lebende Rückspiegel den gut sichtbaren Verbandskasten öffnet und aus dem sonst leeren Behältnis sein Hemd entnimmt, beginnen bei mir gerade die ersten Schweißtropfen zu perlen. Es ist schwül. Uli erklärt mir, dass fast alle öffentlichen Fahrzeuge im asiatischen Raum von der indischen Firma Tata sind. Tata? Nie gehört. Der Schweiß beginnt heftiger zu perlen. Wir verlassen den Busbahnhof und halten. Jetzt schon? Leute steigen zu und aus, es wird immer voller, ich denke, so, jetzt ist aber kein Platz mehr. Ich irre mich, wie ich später erkennen muß. Eine Unbekannte steckt Ulrich einen Brief zu, er solle ihn doch in Syabru Besi einer bestimmten Person geben, was mag wohl drinstehen, ein Liebesbrief, eine Einladung, ein erbostes Schreiben, deren schicksalschwangere Boten wir sind?

Zuerst ist die Fahrt unbeschwert, wir fahren über Asphalt, es rumpelt hie und da, ich spüre den Beginn des großen Abenteuers, fühle mich frei und stark, durch das Fenster sehe ich die Vororte von Kathmandu vorbeihuschen, sehe Motorräder, Fahrräder, Menschen nur Zentimeter an uns vorbeirauschen, jetzt ist es fast wie ein Spiel, spannend und neu, ich erwarte jederzeit einen Crash, aber noch bin ich mir sicher, er kommt nicht.

Allmählich füllt sich der Bus, oder besser, er 'über'füllt sich, jetzt kommen auch Waren hinzu, erst ein, zwei Säcke mit Erdäpfeln, dann ein, zwei Säcke mit Mais oder Reis, dann Kanister mit Öl oder Sojasauce. Die Menschen legen die Waren in den Gang, gleich beim Eingang, jeder steigt darauf und darüber, aber noch ist es kein wirkliches Hindernis. Noch fühle ich mich gut, frei und stark.

Dann der erste Checkpoint. Der Bus hält, alle Nepali steigen aus, Uli erklärt, dass es ein stilles Übereinkommen gibt, das besagt, dass Touristen den Bus nicht verlassen müssen. Ein Offizier kommt, grüßt freundlich, die AK 47 lässig an der Schulter baumelnd. Seit vielen Jahren gibt es diese Checkpoints, seit vielen Jahren gibt es Auseinandersetzungen mit der Regierung und den 'mao-people', kommunistischen Rebellen, die Bevölkerung hat sich an die ständigen Kontrollen und Untersuchungen gewöhnt, für mich ist es neu, unheimlich. Ich entscheide, kein Photo zu machen. Zum Glück sehe ich nicht wie ein typischer, nepalesischer, kommunistischer Rebell aus. Zum Glück wissen die nichts von meinem roten Parteibuch. Dann ist der Bus gecheckt, die Fahrt geht weiter, ich nehme den ersten tiefen Zug nepalesischer Landluft in mich auf. Noch immer bin ich frei und stark.

Stunden später: Längst ist der Asphalt einer Piste aus Schlamm und Steinen gewichen, längst frage ich mich nicht mehr, ob denn noch Platz sei, wenn jemand einsteigen will, längst ist der Berg an stinkenden, dreckigen Waren bis zu unserer Brust gewachsen, längst hängen die Menschen wie die Trauben am Dach und an der Seite des Busses, stapeln sich innen kreuz und quer, spucken und kotzen aus den Fenstern und mitten darunter ich, längst nicht mehr stark und frei. Der ganze Körper schmerzt, ständig stoßen meine Knie an die Lehne des Vordersitzes, ich bin zu groß, denke ich nicht ohne Stolz, meine Hände krallen sich an alles, was stabil genug aussieht, den nächsten Stoß, das nächste Schlagloch, die nächste Kurve etwas abzufangen. Ich sehe kaum mehr aus dem Fenster hinaus, manchmal erkenne ich die Größe der Straße, den Abhang, reißende Flüsse ein paar hundert Meter unter uns. Manchmal sehe ich das unbefestigte Bankett, die durch die heftigen Niederschläge des Monsun aufgeweichte Fahrspur. Der Schweiß der Schwüle mischt sich mit dem Schweiß der Angst. Wir steigen jetzt bei den Checkpoints auch aus, einfach um Luft zu bekommen, um raus zu kommen, aber es ist kein erleichtertes Gefühl, denn wir wissen, wir müssen wieder rein. Ach, würden sie die Nepali doch ausführlicher kontrollieren, denke ich. Immer wieder steigen Menschen zu, ein eigener Duft umgibt sie, herb, nicht wirklich unangenehm, aber fremd, wie die Sprache. Wunderschöne Frauen im Seidensari sitzen, hocken, stehen, krümmen sich im Bus, auch sie versprühen den Odem des Landes, der mich eingenommen, aber noch nicht eingefangen hat. Indische und nepalische Bauern, Kinder, jetzt auch Ziegen, vorläufig am Dach, umgeben, umringen mich, stehlen mir die Luft, ich bin jetzt nicht mehr stark und frei.

Ich beobachte das System des nepalischen Busfahrens. Wird es eng oder knapp, und das wird es oft, gibt der lebende Rückspiegel Klopfzeichen, einem Morsecode gleich, denke ich zuerst, später erkenne ich, es ist immer das selbe Signal, klopfklopf, klopfklopf. Wie will er vor einer drohenden Gefahr, dem drohenden Abgrund warnen, denke ich, wie klingt es, wenn es sich nicht mehr ausgeht, wir abstürzen? Ich erspare mir die Antwort. Der lebende Rückspiegel hängt die meiste Zeit aus der Tür oder an der Seite des Busses, manchmal klettert er während der Fahrt aufs Dach. Ohne Schuhe. Manchmal wünsche ich mir, er möge abstürzen, dann müssten wir halten und ich könnte wenigstens kurz hinaus. Er ist nie abgestürzt. Der Ticketverkäufer hingegen hält die ganze Seite in der einen Hand Geldscheine, mit der anderen hält er sich fest und klettert im Bus herum, dann raus aufs Dach, kassieren. Auch ohne Schuhe. Auch er ist nie abgestürzt. Der Fahrer tritt aufs Gaspedal, lenkt und hupt, bevor er um eine Kurve fährt. Er hält eigentlich nie, das Einsteigen der Leute spielt sich im langsamen Rollen ab, dann ein kurzer Halt, nach 10 Meter wieder ein Halt, langsames Rollen, und so weiter, bis zum Ende der Ortschaft. Während dieser langgezogenen 'Haltestellen' steigen Menschen ein und aus und wieder ein und wieder aus, laden Waren ein und aus und wieder ein, immer begleitet von den Klopfzeichen des lebenden Außenspiegels. Ich bin müde und erschöpft.

Schließlich bleibt der Bus stehen: Scheinbar ein Checkpoint, aber eigentlich der Eintritt in den Langtang-Nationalpark. Wir stellen uns mit den Nepali in einer Reihe an, da werden wir hinausgewunken. Zu laut über mein rotes Parteibuch nachgedacht, denke ich, aber nein, nur das Übliche, man will Geld von uns, für den Eintritt. 1000 Rupien, für die Einheimischen ist es gratis. Dafür bekommen wir ein Stück Papier, das uns für den Aufenthalt im Langtang-Nationalpark ermächtigt. Ich halte es in Händen und spüre wieder etwas von meiner Freiheit und Stärke.

Nach einer Pinkelpause mitten im Nichts zwänge ich mich wieder auf meinen Sitz. Es geht mir noch immer wieder halbwegs gut, da spüre ich einen Stich, wie von einer Gelse auf meinem Knie. Ich öffne meine abzippbare Trekkinghose, greife nach dem vermeintlichen Gelsenstich und halte einen kleinen, sich windenen, schwarzen Wurm in meinen Händen, mein Blut an ihm und meinen Händen. Kurz blicke ich verwirrt auf das kleine Tier, dann verstehe ich: ein Blutegel. Ich kicke ihn aus dem Fenster, frage mich noch kurz, wie ist der wohl unter meine Hose an mein Knie gekommen, dann muß ich mich schon wieder festhalten, aufpassen, nicht den Halt zu verlieren. Es sollte nicht meine letzte Begegnung mit einem 'leech' sein.

Kurz später hält der Bus wieder: kein Checkpoint, kein Ort. Warum? Wir erfahren es: Landslide. Eine Mure hat die Straße weggewischt, wir müssen raus, unser Gepäck nehmen, die Mure überqueren und dann in einen wartenden Bus einsteigen. Gehzeit: eine halbe Stunde. Leicht verwirrt und abgekämpft schultern wir die Rucksäcke, gehen los, mit uns eine Hundertschaft von Nepali, bepackt mit allem, was vorher im Bus war, eine Karawane, hinter und vor uns Nebel, Dunst. Plötzlich muß Bine pausieren. Sie war schon bei der Abfahrt leicht krank, Fieber und Durchfall, die Anstrengung streckt sie jetzt nieder. Uli bleibt bei ihr, schickt mich los, den Bus aufzuhalten. Ich gehe, immer schneller, der Schweiß rinnt mir in Strömen über den ganzen Körper, die Landschaft verschwindet im Nebel, ich weiß bald nicht mehr, wohin ich treten kann, der Abgrund gefährlich nahe. Endlich taucht ein wartender Bus auf. Inzwischen voll mit Menschen, die darauf warten, endlich abzufahren, unmöglich den Bus überhaupt zu besteigen. Ich suche den Fahrer und versuche ihm klarzumachen, dass er warten muß, zeige das Ticket, bitte flehentlich, brülle, aber er will? mich nicht verstehen. Schließlich startet er den Motor und beginnt loszurollen. In meiner Panik springe ich vor den Bus und stelle mich ihm in den Weg. Ob ihn das aufhält, denke ich, aber er bleibt stehen. Zumindest bin ich soviel wert wie eine Kuh, denke ich, dann tauchen endlich Bine und Uli auf, nach über einer Stunde, er trägt ihren Rucksack, sie ist vom Fieber gezeichnet. Der Kampf um den Sitzplatz beginnt. Da ich aber glücklich bin, dass wir jetzt alle hier sind, schreie ich den Ticketverkäufer an: we want only one seat for her, we two will go on the top. Uli und ich steigen aufs Dach, der Bus rollt los, mit meiner Freiheit und Stärke ist es wieder gänzlich vorbei.

Am Dach sitzen wir mit zahlreichen anderen Nepali auf einem Metallrohr-Rahmengerüst, nach den ersten Metern über Stock und Stein beginnt mein Hinterteil zu schmerzen. Krampfhaft halte ich mich fest, einmal wage ich es und mache einhändig ein Photo. Man wird darauf nicht viel erkennen, aber immerhin. Schließlich, als die Schmerzen unerträglich werden, schiebt mir Uli fast zärtlich seine Regenjacke unters Hinterteil. Mein Arsch hat nach 9000 km Radfahren eine Hornhaut, meint er. Ich bin ihm unsäglich dankbar.

Beim nächsten Halt in der nächsten Ortschaft nutzen wir die Chance und erobern unsere Sitze zurück. Es ist nicht mehr weit, hören wir, nur noch 40 Minuten. Ich bin erleichtert. Aber leider: der Weg von Dhunche nach Syabru Besi ist steil, viel steiler als zuvor, viel wilder, eine viel schlechtere Straße. Ich sehe die Ortschaft in der Tiefe und den Fluß, dem wir die nächsten Tage folgen werden. Plötzlich neigt sich der Wagen dem Abgrund entgegen, die Straße gibt nach, einige Nepali springen auf, als würde ihr Gewicht auf der bergzugewandten Seite den Absturz verhindern. Ich bin regungslos, stumm, habe mit meinem Leben abgeschlossen, versuche nicht einmal, ein Photo zu machen. Irgendwie aber stürzen wir nicht ab, irgendwie bewegt sich das Fahrzeug weiter auf der Piste, irgendwie sind wir den Greifarmen des Todes entkommen. Die Panik in mir weicht der Angst. Ich schwitze, aber es ist kühl. Ich habe das Gefühl, als hätte ich mein Schicksal einmal zu oft herausgefordert, einmal zu oft über den Tod, die Gefahr gelacht, einmal zuviel Kredit bei der Glücksbank aufgenommen. Die restliche Fahrt bin ich schweigsam, noch einige Male neigen wir uns dem Abgrund entgegen, ich beginne, die Situation zu hassen, die Ausweglosigkeit und mein eigenes Unvermögen, dagegen irgendetwas zu tun. Mein Leben liegt in den Händen eines nepalischen Busfahrers, den ich nicht kenne und der auf einen klopfenden, barfüssigen lebenden Aussenspiegel angewiesen ist, den ich auch nicht kenne. Als wir uns neigten, hat er übrigens nicht geklopft.

Letztendlich kommen wir in Syabru Besi an, ich war noch nie so glücklich, im Regen in einem nepalischen Drecksloch anzukommen, für mich ist der kleine Ort die Rettung. Im naheliegenden Guesthouse trinke ich Whiskey und Bier ' nicht aus Desinfektionszwecken. Wir treffen einen Amerikaner, Campbell, auch er ist mit dem Bus gekommen, ich erzähle ihm von unserer Reise und er sagt die Worte, die ich ab diesem Zeitpunkt erst richtig verstehe: 'Welcome to Asia!'



Abends sitzen wir noch zusammen, plaudern, trinken Bier. Mittlerweile ist auch Uli krank geworden, wir beschließen, einen Ruhetag in Syabru Besi einzulegen. Ich gehe auf mein zellenartiges Zimmer, betrachte meinen Blutegelbiß, trinke Whiskey und schlafe tief und fest.



5. Tag 09.07.03; Route: Syabru Besi

Wir schlafen lange, frühstücken pancake und Kaffee, danach sammle ich erste Erfahrungen mit ländlichen nepalischen Toiletten, einer in den Boden eingelassenen Keramikform mit Loch. Im Reiseführer lese ich, dass die traditionelle Art zu gacken das Säubern des Ausganges mit der bloßen linken Hand vorschreibt. Am Örtchen steht dann immer ein Wasserbehältnis zur Verfügung, dessen Inhalt demzufolge nicht zum Trinken geeignet ist. Gegessen wird ' wohl auch deshalb ' ohne Besteck auschließlich mit der rechten Hand. Ich beschließe, mich nicht gänzlich der nepalischen Kultur hinzugeben und verwende Toilettenpapier und Besteck.

Später am Tag machen wir einen Rundgang durch das Örtchen, ein kleines Nest mit ein paar Guesthouses, drei, vier Geschäften und überall, wie sonst auch, Gebetsfahnen, die im Wind flatternd die darauf geschriebenen Gebete den jeweiligen Gottheiten zuraunen. Wir sind so ziemlich die einzigen Touristen hier, werden aber weder bestaunt noch beargwöhnt, nur ein paar Kinder laufen uns hinterher und bitten um 'candy'. Wir geben ihnen nichts, 'candy' hätten wir selber gerne.

Am Ende der Ortschaft entdecken wir ein Wasserkraftprojekt der VA Tech, ein eingezäuntes Gelände, das die dort arbeitenden Techniker vor dem Rest der Ortschaft abschirmt. Drinnen saubere Jeeps, kleine Hütten, aus denen der Qualm aufsteigt, gepflegte Gehwege, Rasen, kaum Menschen zu sehen. Eine seltsam andere Welt in der anderen Welt, denke ich. Die Berge rund um die Ortschaft sind steil und wild, tief unter uns rauscht der Fluß, alles grün und blühend, alles dampft in der Schwüle des Monsun, auch wir. Ich schieße ein paar Photos, und wir kehren zurück. Uli hat dieser kleine Rundgang ziemlich geschwächt, wir sind nicht sicher, ob wir den Trek wagen sollen, er nimmt Medikamente und ruht sich aus. Den Rest des Tages verbringen wir mit Campbell, einem Amerikaner, der seine Heimat für ein oder zwei Jahre verlassen hat, um den Rest der Welt zu sehen. Wir plaudern viel, er ist Architekt, hatte einen wohldotierten Job, aber als alles 'too serious' wurde, packte er einen Rucksack und zog los. Er erzählt von seiner Freundin, die nicht ganz glücklich über seine Entscheidung ist, über seine Heimat, seine Unternehmungen daheim und seine Erlebnisse auf seiner bisherigen Reise. Außerdem lehrt er uns ein neues Kartenspiel, das wir mit Begeisterung aufnehmen und noch des öfteren spielen werden: 'shithead'. Uli beschließt, die Spielregeln auf seiner HP zu veröffentlichen, ich beschließe, das Spiel in unserer Pokerrunde daheim einzuführen, um wenigstens einmal einen Vorteil zu erlangen. Im Laufe der Reise wird sich herausstellen, dass ich der 'king of shithead' bin, während Uli meistens der 'shithead' ist. Naturgemäß sieht er das bis zum heutigen Tage eher umgekehrt.

Um ca. 22:00 Uhr messen Bine und Uli noch einmal Fieber, es ist gesunken, wir entscheiden, morgen aufzubrechen.



6. Tag 10.07.03; Route: Syabru Besi ' Bamboo Lodge ' Rimche ' Lama Hotel (2480m)

Frühmorgens brechen wir auf, es nieselt und ist schwül, Campbell kommt mit uns. Wir durchqueren das 'tibetan village', eine Enklave von Exiltibetern. Nach einer halben Stunde erreichen wir einen Checkpoint, wir müssen das permit vorweisen und uns in ein Buch eintragen. Nicht viele Touristen sind unterwegs. Dann die erste Hängebrücke. Wir werden im Laufe des Treks noch einige benutzen, vorerst gehen wir aber noch knapp hintereinander darüber. Die Schwingungen der unterschiedlichen Schrittgrößen und 'stärken bringen die Brücke in Bewegung, wir schlingern wie auf einem Schiff vorwärts und hin und her. Wir beschließen, in Zukunft eher einzeln hinüberzugehen.

Nach einer Stunde ist uns Campbell soweit voraus, dass wir ihn nicht mehr einholen können, aber wir halten unser Tempo. Der Weg ist steil, ein ständiges bergauf und 'ab, immer neben dem Langtang khola, der sich mittlerweile in einen reißenden, wilden, gischtschäumenden Gebirgsfluß verwandelt hat. Die Ungestümheit dieses Flusses fasziniert mich, meterhohe Stromschnellen, Steinbrocken so groß wie Einfamilienhäuser, das Wasser schießt, schlingert, treibt, erkämpft sich einen Weg durch das enge Tal, alles dampft, die Gischt spritzt meterweit. Rundherum, in jeder Ritze, wächst die Natur, Farne, wilder Hanf, Gras, Kräuter, Blumen, Bäume, Dickicht. Es duftet nach Wachstum, nach dem Verlangen der Pflanzen nach Wasser, das scheinbar immer und überall, von allen Seiten, die Hänge hinabschießt und sich mit dem Langtang khola vereinigt. Ich sehe unbekannte Blüten, höre Geräusche mir unbekannter Tiere, und ständig, ständig rauscht der Fluß an uns vorbei, so laut, dass man das eigene Atmen kaum zu hören vermag. Wieder begegne ich den 'leeches', wir glauben, dass sie in den Schlammlöchern des Steiges warten, um über die profilierte Schuhsohle zu den Beinen gelangen, wo sie frisches, europäisches Blut erwarten. Etwa 10 Blutegel fallen im Laufe des Tages über mich her, bevor sie aber eine Stelle in der Hose finden, über dies sie an meine Haut gelangen, erwische ich sie und kicke sie weg. Später werden wir die 'leech-control' einführen, eine Art gegenseitige Kontrolle der Hosenbeine, um rechtzeitig Blutegel zu entdecken. Uli und ich entwickeln wegen des Lärms des Flusses einen Zeichencode, der 'leech-alarm' oder 'leech-free' anzeigt. Bine macht sich über uns lustig, Kinder seid ihr, meint sie.

Der Weg ist steil, oft gehen die Anstiege über zu Stiegen aufgetürmte Felsbrocken, die naß und glitschig sind, wir müssen auf unsere Schritte achten. Nach 6 Stunden erreichen wir die 'Bamboo Lodge', eine Ansammlung einiger weniger Guesthouses, von denen nur eines geöffnet hat. Wir essen 'egg chowmein', bräunliche Nudeln mit Ei nach Tibeter Art. Uli hat viel Hunger, er bekommt Bines Portion, die die zugegeben nicht sehr ansehnliche Speise nicht hinunterwürgen kann. Wir machen ein paar Photos vom Fluß, man kommt an dieser Stelle sehr nah heran, auch beim Rückweg werden wir hier haltmachen.

Der Wirt des Guesthouses in der Bamboo-Lodge fragt uns, wohin wir heute noch wollen, und meint, dass der Weg unpassierbar sei, dass es viel zu weit wäre und dass es besser sei, hier zu übernachten. Wir sind leicht verunsichert, machen uns aber trotzdem auf den Weg. Später werden wir feststellen, dass ein jeder Gastwirt ' vor allem jetzt in der Nebensaison ' versucht, uns unter fadenscheinigen Vorwänden bei sich zu behalten. Vorerst hören wir einfach nicht auf diese Aussagen, später werden wir immer verärgerter über diese Flaschmeldungen sein.

Nach insgesamt 10 Stunden Wanderung erreichen wir das Lama-Hotel und treffen auch Campbell wieder. Wir plaudern, essen erschöpft, Bine ist noch immer krank, wir vereinbaren, am nächsten Morgen eine Entscheidung zu treffen.



7. Tag 11.07.03; Route: Lama Hotel (2480m)

Um 6:00 Uhr morgens beschließen wir, einen weiteren Ruhetag einzulegen, um Bine die Chance auf Besserung ihres Gesundheitszustandes zu geben. Ich merke eine leichte Verkühlung in mir, der ganze Tag Niesel auf mein kahles Haupt, der viele Schweiß und die relative Kühle gegen Ende der Etappe haben das ihrige getan. Ich werfe 2 Aspro ein und trinke Whiskey, die Kombination macht mich schlagartig gesund.

Das Lama Hotel ist das älteste Guesthouse in dieser Ansammlung von vielleicht sieben Häusern, es ist in beinahe jedem Reiseführer zu finden. Betrieben werden diese Häuser aber immer von wechselnden Personen, die das Anwesen für eine Saison oder ein paar Monate mieten und dann versuchen, über die Runden zu kommen. Momentan sind die Wirtsleute ein relativ junger Nepali mit seiner Frau und einem 14 Monate alten Kind. Diese kleine Familie verströmt Geborgenheit, Güte und Stärke, wir fühlen uns dort sehr wohl. Campbell und ich spielen ein bisschen mit der kleinen Mira, sie ist ein ausgesprochen hübsches und süsses Mädchen, das gerade dabei ist, gehen zu lernen, dabei aber immer wieder umfällt oder irgendwo anstößt. Auch die junge Mutter ist ausgesprochen freundlich und nett, sie versteht kaum Englisch, bemüht sich aber sehr, unsere Wünsche zu erfüllen. Sogar unsere total verschwitzten T-Shirts nimmt sie von der Wäscheleine vor unseren Zimmern und hängt sie über den Ofen. Sie ist eine ausgesprochen schöne Frau, zwar herb, aber ebenmäßig, mit langen, starken, schwarzen Haaren und gleichzeitig feiner und verwitterter Haut. Frühmorgens kämmt sie sich die Haare, Bine meint, eine jede europäische Frau würde sie um ihre Haare beneiden. Nicht nur jede Frau, denke ich.

Unsere Zimmer liegen im ersten Stock, davor ein Balkon, der teilweise verglast ist. Alles ist einfach, kein Strom, kein Wasser, Holzpritschen als Bett, aber adrett und sauber. Der Preis für die Übernachtung ist lächerlich, mein Raum kostet 25 Rupien, das sind 30 Cent. Das Essen wiederum ist teurer als in Kathmandu, hier finanzieren sich die Betreiber eines Guesthouses rein übers Essen, welches hier nahrhaft und gut ist. Trotzdem verzichte ich nicht auf meinen täglichen Schluck Whiskey nach dem Essen. Es gibt sogar ein Dusche, das Wasser wird über Solarenergie aufgeheizt, aber während des Monsun scheint kaum Sonne, also ist das Duschen meistens nur etwas für echte Kerle.

Nach dem Frühstück beschließen Uli und ich, den Fluß aufzusuchen, um ein paar Photos zu schießen. Wir klettern über ein paar Felsen in der Nähe des Hotels und sind plötzlich mitten im tosenden Langtang khola.



the river adventure

Sonne. Wir mühen uns über riesige Felsen, in einer Hand die Kamera, mit der anderen verzweifelt nach Halt suchend. Ich fange an, unter meiner Regenhose zu schwitzen. Warum habe ich das Ding eigentlich angezogen, denke ich, kein Regen, nur Sonne. Der Schweiß rinnt uns in kleinen Sturzbächen den Rücken hinunter, meine Gletscherbrille baumelt an ihrem Band von meinem Hals herunter, schwingt bei jeder Bewegung hin und her, als wollte sie sagen: setz mich auf, setz mich auf. Später, baby, denke ich, später. Dann, ein letztes Aufbäumen, ein letzter Tritt, ein kleiner Sprung, und da, wir sind mitten im Fluß. Rund um uns Gischt, Tosen, so laut, dass ich Ulrich nicht hören kann, als er ruft: geil!

Wir knien, hocken auf tropfnassen Felsen, beginnen die Kameras herzurichten. Wir schießen Photos, im Vordergrund wir, scheinbar unverwundbar wie ein Fels in der Brandung, hinter uns das tobende, nasse Chaos. 'fuck photos' meint Uli, Bilder, die eine jede Frau schwach machen würden, wenn wir sie ihnen zeigen. 'fuck photos', denke ich, ja, genau solche wollte ich auch machen. Als es zu naß wird, ziehen wir uns ein bisschen zurück, setzen uns auf einen beinahe zum Sitz geformten Felsen, unter unseren Trekkingschuhen der nasse Tod. Deshalb habe ich die Regenhose angezogen, denke ich. Wir sitzen eine Zeitlang so da, schweigen, das Reden wegen des Lärms beinahe unmöglich. Wir schauen in die Fluten, ich frage mich, wie der Fluß wohl außerhalb des Monsun aussieht, ob er wohl ein kleines Rinnsal ist, zaghaft und zärtlich sich seinen Weg bahnend, die Hindernisse, die jetzt kaum sichtbar sind, umfließend. Die Strudel ziehen mich in ihren Bann, beinahe magisch ist dieser Augenblick, da zwei alte Kumpel, Seite an Seite auf einem Felsen mitten im Langtang khola sitzen und sich auch ohne Worte verstehen. Die Sonne brennt auf unsere Köpfe, ich setze die Gletscherbrille auf (ja, endlich, spring auf, baby), durch die dunklen Gläser wirkt die Szenerie noch unwirklicher, als ob ein alter Film abläuft, der auf den großen, alten Filmrollen aus Zelluloid aufgenommen worden ist, und dessen Trägermaterial durch Zeit und Witterungseinflüsse dunkel und rissig geworden ist. Noch einige Zeit sitzen wir so da, spüren das Band der Freundschaft, das uns umgibt, das 'Netz', wie Uli es ausdrücken würde. Schließlich springen wir auf, machen uns auf den Rückweg, denn jeder Moment muß einmal vorbeisein. Wieder klettern wir über die Felsen, wieder nur mit einer Hand. Die andere hält krampfhaft die Kamera, die jetzt Beweise unserer Freundschaft enthält. Und jede Menge 'fuck photos'.



Später, am frühen Nachmittag, essen wir etwas, Bine und Uli erholen sich. Langsam trocknen die vom Vortag schweißnassen Sachen. Abends ist es jetzt schon kühler, wir ziehen warme Jacken an und setzen unsere Wollmützen auf. Wir spielen mit Campbell 'shithead' und relativ früh gehen wir zu Bett. Morgen solls weitergehen.
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