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in Vorbereitung: 3onTour!
RUMAENIEN, UNGARN, OESTERREICH: bukarest-wien

  
Rumanien
31. Mai 2004

RUMAENIEN, UNGARN, OESTERREICH: bukarest-wien

19645 km, vienna (A)

boing 777 von lauda air. melbourne. jakarta. wien. bukarest. in nur 21 stunden. es ist vollbracht. der grosse, schnelle sprung zurueck nach europa ist geschafft. auf in die heimat.

mehr als im vorhinein vermutet, muss ich die zwischenlandung in wien verarbeiten. es gelingt uns am internationalen flughafen wien-schwechat, ein nach bukarest eingechecktes gepaeckstueck hier zu lassen. und ein weiteres, neues von meinen eltern in empfang zu nehmen und in buchstaeblich letzter minute nach bukarest einzuchecken. fuer meine eltern bleibt fast keine zeit. schnelles aber sehr emotionales wiedersehen. um uns ein paar minuten spaeter wieder zu verabschieden. kurz zuhause aber doch noch weit, weit weg.

auf gehts



am internationalen flughafen otopeni von bukarest bauen wir die zum glueck unversehrten raeder zusammen. packen alles wieder "richtig" und machen uns nach ein paar stunden auf ins rund 20 km entfernte stadtzentrum. so betreten wir rumaenien auf dieser tour - diesmal nicht mit kurzem leiberl und hose, sondern mit handschuhen und haube - zum zweiten mal. aber dieser umstand, oder auch die tatsache, dass wir mit ausnahme von australien fast ausschliesslich sogenannte entwicklungs- oder schwellenlaender beradelt haben, helfen nicht, dass ich nicht doch einen gewissen kulturschock erlebe. selbst in rumaeniens hauptstadt sind viele strassen schlaglochuebersaet, ueberall liegt muell herum, verkehrschaos. viele streunende hunde, die bei diesen winterlichen temperaturen sich anscheindend die willkommene gelegenheit zum aufwaermen nicht entgehen lassen wollen und uns gnadenlos hinterherjagen. der fahrradrueckspiegel wieder links. rechtsverkehr nach ueber einem jahr auf der anderen strassenseite unterwegs. links ruecksichtlose, anonyme blechlawine. rechts zaehnefletschende koeter. die kahle vegetation und alles im spaetwinterlichen grau in grau verstaerken diesen eindruck der trostlosigkeit. rumaenien ist wirklich der wilde westen im osten europas.

die tage in der hauptstadt nutzen wir zum akklimatisieren und einleben. europa ist ganz anders als australien, wo wir uns die letzten 7 monate aufgehalten haben. die lange geschichte, die dichte an kultur begleitet mich jeden schritt und tritt in rumaenien. alkohol gibts ueberall (und das noch dazu unheimlich billig). auffallend wie viele leute rauchen. auffallend wie wenig verboten ist. noch scheint europa sehr liberal und 'erwachsen'. ganz anders als die USA oder eben down under. 20 euro fuer ein nicht besonders gutes DZ helfen uns, auch in finanzieller hinsicht an europa zu gewoehnen. alles andere ist in rumaenien aber spottbillig. essen und trinken gehen, supermaerkte, internet. seit langem koennen wir uns wieder 'was leisten'.

wohl das augenscheinlichste vermaechtnis von exdiktator ceausescu ist der 'palast des volkes'. hinter dem amerikanischen 'pentagon' der zweitgroesste gebaeudekomplex der welt.

als wir schliesslich mit dem rad aufbrechen, um endgueltig nachhause zu fahren, lernen wir, dass rumaenien sich doch noch sehr von anderen europaeischen staaten unterscheidet. schon in den aussenbezirken der hauptstadt tauchen immer mehr pferdefuhrwerke auf. chaotischer, dichter verkehr. manchmal schlaglochdurchsetzte schotterstrasse. riesige lacken und gatsch. unglaublich. moderne SCANIA- oder MAN- (bzw. das rumaenische aequivalent ROMAN-)-transitsattelschlepper ueberholen klapprige pferdekarren. alte dacias neben nagelneuen mercedes und BMWs. rumaenien im strudel von vergangeheit und der gegenwart des turbo-kapitalismus. ob wochentag oder wochenende: es gibt 24-stunden non-stop tankstellen, non-stop bars, non-stop internetcafes, non-stop supermaerkte...

nach vielen stunden in der verkehrshoelle sind bine und ich froh, endlich von der hauptsrasse wegzukommen. und goennen uns ob der temperatur einen warmen tee aus unserer neuen thermoskanne. puuh, das waere geschafft.

es stellt sich bald ein schoener touralltag ein. wir radeln so wie immer fast ausnahmslos kleine bis kleinste strassen. und lernen daher das abgeschiedene, urspruengliche rumaenien kennen. mittags gehen wir wenn moeglich essen. kosten 2 euro fuer 2 personen. abends zeltplaetzte zu finden ist nicht leicht. viele siedlungen und ueberall landwirtschaft. eben. und die spaetwinterliche, kahle vegetation. aber wir finden immer was. auch wenn abends doch noch der eine oder andere vorbeikommt. probleme gibts keine. unsere kaputten matten sind erst hier in europa stoerend. aufgrund der fehlenden isolation frieren wir sehr in der nacht. da hilft auch mein neuer schlafsack nicht, den ich mir noch in melbourne gekauft habe.

vor sinaia radeln wir rauf in die karpaten. und damit nach transsylvanien (siebenbuergen). endlich einmal keine siedlungen. neben der strasse schnee. super berglandschaft. von dort nehmen wir an einem traumhaft sonnigen tag die 'telecabina' hinauf in die bucegi-berge. wunderschoene aussicht. das kleine skigebiet dort oben hat ein paar lifte. klein, ueberschaubar, wenig menschen. sowas kenn ich nicht.

am ersten fruehlingshaft warmen wochenende radeln wir nach rasnov (rosenburg). entlang des flusses, auf einer strecke von ca. 10 km, halten vielleicht 200 einheimische picknick. mit grillerei, feuer, musik, liegestuehle. einmalig!

die rosenburg bei bestem wetter. dahinter die imposanten, schneebedeckten fagarasberge. ich will unbedingt da hineinradeln. so arbeiten wir eine route aus, die uns 2 mal ueber die berge und dann wieder in unsere eigentliche, noerdliche richtung fuehren soll. nach 2 tagen entlang dieser bergkette muss ich aber einsehen, dass es zwecklos ist. die strassen in die berge sind noch alle gesperrt. die strecke und die uebernachtungsplaetze aber entlang der faragas berge sind traumhaft.

so gehts weiter nach sibiu. eine nette stadt mit schoenem zentrum. wir probieren beide die 'corba de burta' aus, die es fast in jedem lokal gibt. es danach wissen wir woraus sie besteht: kutteln, die aus verschiedenen teilen des magens hergestellt werden. bine konnte nicht einmal den geruch der suppe ertragen. ich nahm zumindest den fluessigen inhalt zu mir. aber das 'fleisch' war echt grauslich.

auf dem weg nach norden haben wir richtiges sauwetter. ein paar grad ueber null und oft stroemender regen. komplett durchnaesst frieren wir elendiglich. abends gibt es in der stadt ludus tataechlich kein einziges freies quartier. wohl oder uebel nehmen wir den zug nach tardu mures. nach heisser dusche und warmer kleidung erwachen wir wieder zum leben.

wir rechnen unsere verbleibenden finanziellen mittel aus. bine ist so gut wie pleite. und meiner grossmutter in wien geht es von tag zu tag schlechter. zwei gruende fuer unseren entschluss, ab hier zielstrebig, ohne umwege, nach wien zu radeln. ich fange zum heulen an. nun dauerts wirklich nicht mehr lange.

die woche bis wien ist aber sehr schoen. wir radeln gute etappen, finden schoene zeltplaetze in den waeldern und leben von 4 euro pro person und tag. schon viel frueher haetten wir so reisen sollen. unterwegs laedt uns stephan, ein sehr freundlicher fahrradverkauefer aus silvaniei in seine cabana (huette) in den weinbergen ein. andere weinbauern daneben, tolle aussicht, sonniges wetter! nach 30 minuten auf der huette sind wir besitzer von 2 liter wein, einem kilo speck und einer kleinen flasche palinka (schnaps). alle sind so nett.

oradea ist sehr schoen und wir geniessen doch noch eine dusche. dann gehts ab nach ungarn.

ungarn erscheint im gegensatz zu rumaenine sehr modern und westlich. die route ueber die nebenstrassen wird vor allem vom hochwasser der fluesse bestimmt. die faehren, ja auch der zugang zu diesen, sind gesperrt. so ueberqueren wir die donau auf 'festem' boden auf der bruecke bei dunafoeldvar. eine stadt, die mir seltsamerweise von einer tuerkeireise mit meiner familie vor vielen, vielen jahre in erinnerung geblieben ist. damals haben wir hier unsere erste mittagspause gehalten und haben fischsuppe gegessen. einen tag davor passierten bine und ich kecskemet. eine schoene stadt, in der vor einigen jahre mein cousin heiratete. in ungarn auf den spuren meiner eigenen vergangenheit.

diesbezueglich vergleichsweise junge spuren beradeln wir dann in oesterreich. am neusiedlersee hat am 3.-5 august 2002 eigentlich alles begonnen. der eigentliche ort des aufbruchs in die weite welt. nun sind wir in breitenbrunn am neusiedlersee. und keiner unserer leute weiss was davon.

ich ueberrasche telefonisch meinen bruder christoph und freund markus mit seiner marianne. spaetabends fahren sie noch die 70 km von wien ins burgenland und wir haben zu fuenft ein wunderschoenes wiedersehen.

am naechsten tag ist es wiedermal recht kalt und ein unbarmherziger westwind blaest uns ins gesicht. kein schoener empfang in meiner heimatstadt. die letzten kilometer sind die gleichen wie vor 21 monaten. nur in umgekehrter richtung. veraendert hat sich nichts. abends ueberraschen wir meine eltern beim heurigen. was fuer eine freude!

ehrlichgesagt bin ich viel mehr traurig als froh, wieder zu hause zu sein. die reise ist - nach 617 tagen und knappen 20.000 geradelten kilometern - vorbei. momentan sind sie nicht so wichtig. all die grossen gegensaetze zwischen bine und mir, die es oft so schwer gemacht haben. die mich zu entscheidenden, schmerzhaften kompromissen gezwungen haben. ich sehe jetzt vor allem unsere gemeinsame radreise. mit meiner bine. UNSERE reise. die uns keiner mehr nehmen kann.

die taeglichen herausforderungen. aus und vorbei. das radeln zusammen mit meiner lieben bine. aus und vorbei. die tagtaeglich zeltplatzsuche. aus und vorbei. das kochen mit unserem braven benzinkocher. aus und vorbei. all die intensiven erfahrungen. aus und vorbei. das gefuehl der ungebundenheit. aus und vorbei. alles was die reise fuer mich so einzigartig gemacht hat. aus und vorbei.



ganz bewusst stelle ich am abend des 11. aprils 2004 mein reiserad an die hauswand meines wohnblocks. es ist dies das letzte mal auf dieser unserer reise. ich nehme bine in die arme und druecke sie an mich. ganz fest.



ENDE
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