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in Vorbereitung: 3onTour!
Unsere Überfahrt von Panamá nach Kolumbien

  
Kolumbien
28. August 2013

Unsere Überfahrt von Panamá nach Kolumbien

Mit drei Booten von Panamá City nach Buenaventura in Kolumbien entlang der pazifischen Küste

4658 km, Pitalito

Panamá City (PA) - Jaque (PA) - Bahía Solano (CO) - Buenaventura(CO)

Infos dazu:
Bilder dazu: Die Umschiffung des Darien Dschungels

Schon seit Anfang unserer Reise haben wir uns geistig mit der Überbrückung des Daríen Dschungels zwischen Panamá und Kolumbien, den keine einzige Strasse durchläuft, auseinandergesetzt. Fliegen wollten wir grundsätzlich nicht, und das nächstliegende und einfachste schien uns das Buchen eines Segelboottrips von Panama nach Cartagena in Kolumbien. Aber nicht nur der Preis von rund 500 US-Dollar pro Person gefiel uns nicht. Auch die Besuche der Inseln im San Blas Gebiet in der Karibik mit den dort ansässigen Kuna Leuten war uns ein Dorn im Auge. Wenn Touristen eine kleine Insel entern, vervielfacht sich für ein paar Stunden die Einwohnerzahl. Dass die Besucher dort gerne fotografieren und einkaufen, kann man sich vorstellen. Das Verhalten der Einheimischen auf solche permanenten Invasionen ebenfalls. Da wollten wir nicht dabei sein.

So erfuhren wir in El Salvador von einem spanischen Radler, dass er mit kleinen Booten (sogenannten Lanchas) von Kolumbien nach Panamá übergesetzt ist. Wir begannen zu recherchieren. Erst relativ knapp vor Panamá City stiessen wir auf die Webseite von Ali und Glenn aus Kanada, die etwas ähnliches auf der Pazifikseite gemacht haben. Die Fahrt war abenteuerlich, und meist auf etwas grösseren Cargobooten und nicht auf den kleinen Lanchas. Das gefiel uns. Also eben auf der Pazifikseite. Wir hatten eh nicht mehr viel Zeit zum abwägen. Wir haben bereits Panamá City erreicht...

Vorbereitungen in Panamá

Bei der Einfahrt in Panamas Hauptstadt radelen wir gleich zum Puerto Balboa - dem grossen Hafen am Beginn des Panama Kanals - um Informationen über unser Schiff nach Jaque, das ganz im Süden Panamás am Rande des Daríen Dschungel liegt, herauszubekommen. Nach Herumirren auf vierspurigen Autobahnen (auch gegen die Fahrtrichtung!) und 2 Stunden Sucherei und Fragerei erfahren wir schliesslich, dass der nationale Hafen im Stadtzentrum liegt. Nun gut, da wollen wir ja eh hin...

Der Hafen im Stadtzentrum liegt nur wenige Gehminuten vom alten Stadtzentrum Casco Viejo entfernt. Gleich hinter dem tollen Fischmarkt (an dem wir sogleich die köstliche Ceviche probieren). Das Boot nach Jaque geht erst in ein paar Tagen, so erfahren wir. Wann genau ist noch nicht rauszukriegen. Am nächsten Tag dürfen wir aber ins Gelände, und können dann beim (vermeintlichen) Kapitän sogar schon die Tickets für das Schiff kaufen. Freitag abend soll es los gehen!

Panamá Panamá
Fertig zum Loslegen - Boot nach Jaque in Panamá City (Panamá, Panamá, August 2013)
Fertig zum Loslegen - Boot nach Jaque in Panamá City (Panamá, Panamá, August 2013)


Freitag vormittag schaue ich sicherheitshalber schon beim Hafen vorbei - und erfahren, dass das Boot schon in 2 Stunden ablegen soll. Also nichts wie zurück zum Hostal, letzte Sachen packen und ab zum Hafen. Die Räder kommen aufs Dach der "El Amparo", so der Name unseres kleinen Lastenkahns. Das Gepäck ins Schiffsinnere. Das Boot ist voll beladen. Mit all den Gütern für einen Ort, der eben keine Strassenverbindung hat. Alles wird per Hand verladen, jeder einzelne Zementsack, und jeder einzelne Karton. Als Bine noch schnell was einkaufen geht, warte ich am Pier. Plötzlich legt das Schiff ab und weg ist es. Schock! Aber es fährt nur wegen der kommenden Ebbe ein paar hundert Meter hinaus. 2 Stunden später werden die Fahrgäste mit kleinen Booten zum vor Anker liegenden Schiff gebracht.

Unterwegs nach Jaque

Das Vorderdeck ist gerammelt voll, die paar Sitzplätze hinten längst schon von den einheimischen Insidern belegt. So setzen wir uns auf den rund 1/2 Meter breiten Gang auf der Seite des Schiffes. Stehen kann ich nicht, weil das Vordach schon bei zirka 1,5 Meter beginnt. Es ist verdammt klein und beengt. Die Crew bewegt sich auschliesslich auf der Aussenseite der Reeling, sonst gibt es kein Vorbeikommen. Sachen werden von den am Boden Sitzenden durchgereicht. Es gibt ja kein Durchkommen...

Nach 3 Stunden Fahrt kann ich immer noch die Skyline von Panamá City erkennen. Das Boot ist definitiv nicht schnell. Aber mit der Übelkeit haben wir zum Glück relativ wenig zu kämpfen. Plötzlich sehen wir einen riesigen Wal, bestimmt 20 Meter lang. Als wir näher kommen, taucht er mit seinem Kopf ins Wasser ein, und als letztes verschwindet seine gigantische Schwanzflosse, die senkrecht in den Himmel ragt. Wahnsinn! Später lassen sich immer wieder Delfine blicken, und eine kurze Zeit lang schwimmt eine kleine Familie an der Seite unseres Kahnes mit. Toll!

Im unteren Stockwerk wirft die Bootscrew Angelleinen ins Wasser. Jede paar Minunten ziehen sie riesige Thunfische aufs Schiff. Abends erleben Bine und ich einen tollen Sonnenuntergang. Das alles wäre sehr romantisch, wenn nicht alles so klein und beengt wäre. Sitzen ist nur möglich, indem wir unsere Beine nach aussen baumeln lassen. Mir tut bereits alles weh. Und wir sind erst am Beginn der Reise.

Später bietet mir ein Crewmitglied überraschenderweise ein Bett in einer Mini-Kajüte an. Es ist zwar abartig heiss drinnen, aber ich kann endlich die Beine durchstrecken. Herrlich! Bine bleibt in der Nacht beim Kajüteneingang sitzen, da ist etwas mehr Platz. Wenn es nicht regnet, streckt sie sich ein wenig am Boden aus. Die einzige Toilette ist im Unterdeck. Der Weg führt tief gebückt über am Boden liegende, schlafende Menschen, eine beengte Treppe hinunter um dann noch über die Beine eines schlafenden Soldaten drüber zu steigen. Und das alles bei konstantem Schaukeln. Nun gut.

So vergeht irgendwie die Nacht. Und zu Mittag erreichen wir Jaque.

Es ist Ebbe, das Boot bleibt auf offener See. Deshalb werden die Passagiere und ihr Gepäck auf kleine Boote verladen, die dann in die Flussmündung und zur Anlegestelle in Jaque fahren. Unser Gepäck (rund 12 Taschen!) ist im Schiffsinneren teilweise unter schweren Betonpfählen begraben. Wir bestehen darauf, dass diese jetzt mit an Land gehen. Ich packe daher selber an, und räume den Dreck beiseite. Die Räder sollen aber erst morgen, bei Flut, entladen werden. Das passt uns gar nicht. Wir denken noch, dass wir eventuell gleich ein Boot nach Kolumbien kriegen könnten. Aber weit gefehlt...

Panamá Panamá
Jaque (Darién, Panamá, August 2013)
Jaque (Darién, Panamá, August 2013)


2 pensionierte Chileninnen sind ebenfalls auf dem Weg nach Kolumbien. Sie erfahren in Jaque, dass heute - Samstag - keine Lancha nach Bahía Solano in Kolumbien geht. Und da das Immigrationsbüro am Wochenende nicht geöffnet ist, erst Montag früh. Nun gut, dann haben wir wenigstens Zeit, in Ruhe unsere Räder zu entladen.

Der Ort Jaque ist moderner als erwartet. Es gibt 1-2 Hotels, ein paar kleine Geschäfte und sogar 24 Stunden Strom. Von einem dieselbetriebenen Stromgenerator! Es ist nicht viel los, aber sehr interessant dort herumzugehen. Ein Flugfeld gibt es ebenfalls. Und die es sich leisten können, brauchen dann nur 1 Stunde nach Panamá City. Und nicht 30...

Obwohl Jaque nicht gross ist, brauchen wir am Sonntag einige Zeit, ehe wir den "Frachthafen" des Ortes finden. Er liegt etwas flussaufwärts - und ist gar kein Hafen. Nicht einmal eine Anlegestelle gibt es. Ein Feldweg endet am Flussufer. Und 20 Meter weiter liegt als einziger Kahn unsere bekannte "El Amparo" vor Anker. Mit unseren Rädern am Dach. Kleine Boote docken am Schiff an. Und Ziegelstein für Ziegelstein, Zementsack für Zementsack wird verladen. Ich gelange irgendwie zum Boot. Und per Seil werden unsere Drahtesel hinunter zum Wasser gehievt. Hinein in ein kleines Boot. 20 Meter zum Ufer. Ausladen. Einen Dollar für den Bootsfahrer. Fertig!

Sonntag abend erfahren wir allerdings, dass die Boots- und Grenzformalitäten Montag früh zu lange dauern werden, bevor die Ebbe ein Auslaufen verhindert. Das heisst: Abfahrt Dienstag Früh. Nun gut.

Nun geht´s nach Kolumbien

Dienstag früh klappt es dann allerdings wirklich. Zuerst wird das Gepäck von einem Drogenhund durchsucht - das sehr präsente Militär ist wohl vor allem wegen des Drogenhandels im Daríendschungel hier. Dann verladen wir das Gepäck und unsere Räder in einem kleinen Boot. Die Passagiere müssen aber in einem leeren Boot einsteigen. Fahren 2 Boote nach Kolumbien? Auf dem Weg raus aufs Meer stirbt der Motor unseres unbeladenen Bootes mehrmals ab. Es wird vom anderen wieder zur Anlegestelle gebracht. Motor repariert. Und dann am Fluss unter Volllast ausprobiert. Ich verstehe noch nicht warum. Aber gleich.

Als wir aufs Meer kommen, erkenne ich sogleich die Schwierigkeit: grosse Wellen brechen vor dem Ufer. Und über die müssen wir alle drüber. Wegen des Gewichtes wird diese Hürde mit 2 Booten genommen. Mehrmals kreisen sie vor den Brechern herum, um einen geeigneten Moment abzuwarten. Aber dann geht's mit Vollgas über die Wogen. Der Bootsbug ragt steil in den Himmel und kracht dann mit voller Wucht ins Wasser. Und noch ein zweites Mal. Grausam! Aber wir sind drüber und steigen nun alle in die kleine, überladene Lancha. Nicht auszudenken, wenn der Motor genau zwischen all den brechenden Wellen plötzlich aussetzen würde...

Es geht nun immer relativ nah an der Küste nach Süden. Undurchdringlicher Regenwald auf der linken Seite. Scheinbar unendlich gross! Einen Motorschaden sollten wir nicht haben, denn das Ufer sei wegen Drogenhandels und Guerillas "no seguro". So brettert das Boot über die Wellen. Später entfernen wir uns teilweise weit weg vom Ufer. Auch hier brauche ich nicht unbedingt einen Motorschaden. Uns wurde gesagt, dass die Fahrt 5 Stunden dauern wird. Aber schliesslich und endlich sind wir non-stop 8 Stunden unterwegs!

Panamá Panamá
Eine kleine Lancha bringt uns von Panamá nach Kolumbien (Darién, Panamá, August 2013)
Eine kleine Lancha bringt uns von Panamá nach Kolumbien (Darién, Panamá, August 2013)
Ich muss 4 Stunden lang aufs Klo. Kann nicht mehr sitzen. Und meine Beine spür ich auch nicht mehr. Die See ist teilweise so unruhig, dass das Boot andauernd auf eine Welle schlägt. Das geht ordentlich in die Glieder. Aber irgendwann ist auch das geschafft und wir erreichen Bahía Solano, und betreten damit erstmals südamerikanischen Boden! Am Ufer übersetzen uns die Chileninnen ins Englische, dass dem Bootsfahrer ob des schlechten Wetters fast der Sprit ausgegangen wäre. Nun gut...

Wir 5 Reisenden - ausser den beiden Chileninnen und uns fährt noch ein schweigsamer aber sehr netter Mann aus Panamá mit - quartieren uns ins selbe Hotel ein. Danach erledigen wir kurz und schmerzlos die Einreiseformalitäten.

Kolumbien empfängt uns sehr angenehm. Vor allem die Menschen sind extrem freundlich. Ich fühle mich gleich sehr wohl. Im Vergleich zu Jaque ist Bahía Solano gross. Es gibt eine Bank mit Geldautomaten, einen kleinen Supermarkt, Lokale und vieles mehr.

Abends geht ein einwöchiges Festival zu Ende. Mit Umzügen, lauter Musik und reichlich Bier. Was für ein toller Einstieg in Kolumbien.

Tags darauf kaufen wir die Tickets für das dritte und letzte Boot nach Buenaventura. Ab dort gibt es wieder Strassen, die weiter führen als nur 15 Kilometer in den nächsten Ort - wie hier in Bahia. Es ist wieder ein Cargoboot, das sogar über Betten für jeden Passagier verfügt. Allerdings müssen wir 4 Tage warten. Aber auch dieser Ort ist interessant. Und so lernen wir eben das "andere" Kolumbien kennen.

Letzte Etappe nach Buenaventura

Nach 4 Tagen besteigen wir also zum letzten Mal ein Boot - die "Bahia Cupica" . Wir sind froh, dass die Bootsfahrerei bald ein Ende nimmt. Das Beladen geht relativ leicht vonstatten. Einzig allein die Räder wollen sie ebenfalls in den Frachtraum verladen. Wir bestehen aber darauf, dass sie auch diesmal am Dach befestigt werden. Schliesslich setzen wir uns durch. Genauer genommen fragen wir nicht lang herum und binden in dem ganzen Chaos die Räder einfach an die Reeling oben am Dach.

Kolumbien Kolumbien
Endlich - Buenaventura und zurück in
Endlich - Buenaventura und zurück in "Zivilisation" (Valle del Cauca, Kolumbien, August 2013)


Es ist nun eindeutig mehr Platz als auf den Booten zuvor. Aber der grosse Nachteil diesmal: das Boot scheint extrem empfindlich auf Wellen zu reagieren. Und die See wird im Laufe der Fahrt rauh. Wir kämpfen daher mehr oder weniger die ganze Fahrt über mit Übelkeit. Bine nimmt dagegen Tabletten, die mehr oder weniger helfen. Da eh nirgends wirklich ein Platz für uns ist, es zu regnen anfängt, und das Stehen die Übelkeit nur verschlimmert, liegen wir für wohl 18 der insgesamt 24 Stunden Fahrt in unserer Koje. Meist auf der Seite, da selbst das am Rückenliegen Übelkeit erzeugt. Die Mahlzeiten, die ebenfalls inkludiert sind, nehmen wir nur beschränkt in Anspruch.

Nachts wird das Dröhnen des Schiffsmotors plötzlich leise. Ich gehe hinaus, und sehe das zwei kleine Boote andocken, ein paar Passagiere steigen zu - von einem Ort, dessen Lichter ich am unsichtbaren Ufer ausmache. Plus ihr Gepäck. Da aber alle Betten ausgebucht sind, legen sie sich in die Gänge auf den Boden. Nun ist überhaupt kein freier Platz mehr im Schiffsinneren. Und draussen regnet es die ganze Nacht. Aber auch die vergeht irgendwie. Und der nächste Tag ebenfalls irgendwie. Ein Kind kotzt noch in die Kajüte. Dann erreichen wir nachmittags Buenaventura.

Nach 10 Tagen Einfachheit erscheint die Stadt mit ihren Hochhäusern, Autos und Lärm riesig. Wir sind froh, dass die "Bahia Cupica" anlegen kann. Wir wollen unbedingt unser ganzes Zeug vom Boot haben, und nicht erst wieder mit der nächsten Flut. Allerdings ist Niedrigwasser, das Boot liegt tief unten am Wasser. Das Dock liegt sogar noch überhalb vom Schiffsdach. Keine Stufen, Leitern oder sonstiges. Dafür viele Jungs aus Buenaventura, die sich ein paar Pesos verdienen indem sie Frauen, Kinder und das ganze Gepäck vom Schiff aufs Festland hieven. Nun gut.

Nach einiger Zeit haben wir unser komplettes Gepäck am Dock. Auch die Räder. Die Boden schwankt zwar immer noch unter unseren Füssen. Mein Rückspiegel ist gebrochen. Aber wir haben es geschafft. Kolumbien, wir kommen. Diesmal aber zum Glück wieder mit unseren Rädern!

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