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in Vorbereitung: 3onTour!
Tadschikistan I (Uli)

  
Tadschikistan
27. August 2008

Tadschikistan I (Uli)

10.8.2008 - 27.8.2008

6958 km, Khorog (TJ)

usbekische Grenze - Penjinkent - Anji - Dushanbe - Kalaikhum - Khorog

Die Grenze zwischen Tadschikistan und Usbekistan ist nicht nur eine politische, sondern auch eine topographische. Auf den letzten Kilometern auf usbekischem Boden sehen wir schon ganz zart im Wüstendunst die Schatten von Bergketten auf beiden Seiten der Strasse. Je mehr wir uns dem Grenzübergang nähern, desto dichter und klarer treten die Berge an die Strasse. Bei der Grenze selbst erkennen wir schon eindeutig ein Tal, das wir entlang radeln werden. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir noch nicht, wie bergig das Land wirklich ist. Und dass wir - 30 Tage später - 20.000 Höhenmeter mehr in unseren Radlerbeinen haben werden. Der Übergang selbst war zum Glück problemlos. Keine Überprüfung unserer Registrierungen auf usbekischer Seite - denn theoretisch müssen alle Reisende für jeden Aufenthaltstag eine Hotelbestätigung vorweisen können. Da wir die meiste Zeit natürlich einfach in der Wüste gekampt haben, habe ich ein paar gefakte Hotelregistrierungen am Computer gebastelt und ausgedruckt. Aber alle Mühe umsonst, die Registrierungen interessieren keinen. Der tadschikische Posten besteht nur aus 2 besser hergerichteten Containern. Ich stelle mir vor, wie kalt es hier im Winter sein muss und beneide das ansonsten hier sicher sehr ruhige Grenzerleben nicht. In die entgegengesetzte Richtung quert eine Gruppe ukrainischer Bergwanderer die Grenze. Sie waren im berühmten Trekkinggebiet der Fan Berge unterwegs - auch Dirk und wir beide werden diese Berge durchqueren. Ich freu mich schon. Aber zuerst gilt es wieder einmal, der ex-russischen Bürokratie gerecht zu werden. Auch im lieben Tadschikistan muss man sich innerhalb der ersten 3 Tage bei der Einwanderungsbehörde registrieren lassen. Und da heute Sonntag ist, radeln wir durch Penjinkent, die erste Stadt des Landes in der wir hoffen die Registrierung erledigen zu können, und schlagen unsere Zelte in einem Obstgarten auf. Am nächsten Tag zurück in die Stadt und zum Glück können wir in 3 Stunden um 25 Euro die leidige Registrierung erledigen. Danach gehts zum tollen Basar, in dem wir uns für die nächsten kargen Tage eindecken. Hier gibt es noch alles, und Basare habe ich so und so sehr gerne. Am Nachmittag gehts dann wirklich los. Auffallend zurückhaltend sind die Tadschiken im Vergleich zu ihren kommunikativeren westlichen Nachbarn.
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Die netten, manchmal 'zu' lebhaften Kinder im Pamir (TJ, August 2008)
Die netten, manchmal 'zu' lebhaften Kinder im Pamir (TJ, August 2008)
Und die Versorgung mit Lebensmitteln ist schlechter als in unseren bereisten Ländern davor. Wenn es irgendwo ein Geschäft, das wie überall in den stan-Ländern "Magazin" genannt wird, gibt, finden wir dort nur ein paar verstaubte Packungen Nudeln und Kekse. Wir lernen erst später, das man Gemüse und Brot am besten in den Chaykanas - Teehäusern die als Raststätten dienen - bekommt. Die Einheimischen in den kleinen Dörfern am Land sind fast durchgehend Eigenversorger bzw. tauschen innerhalb ihres Dorfes.

Schroffe Berge, steile Täler

Es sind zwar nur rund 200 Kilometer von der Grenze in die Hauptstadt Dushanbe, aber die haben es bereits in sich. Sehr bald gibt es nur mehr Schotterpiste, und obwohl wir effektiv nur wenige Höhenmeter machen, verläuft die Strasse immer rauf und runter, rauf und runter. Nach den Tausenden von Kilometern in den flachen Steppen und Wüsten davor, sind Bine und ich von den schroffen Bergen, den steilen Abbrüchen, dem reissenden Fluss, dem blauen Himmel und den herrlichen Bergausblicken schlichtweg begeistert. Wir geniessen das interessante Radeln, wo man nie weiss wie es nach der nächsten Kurve aussieht, in welches der vielen steilen Täler die Strasse sich winden wird. Dementsprechend atemberaubend sind auch die Kampierplätze. Mit exklusivem Blick in der Früh auf eine brutale, schroffe Bergkulisse! So schaffen wir nur so um die 50 Kilometer am Tag, aber ohne Zeitdruck und in der Landschaft macht uns das überhaupt nichts aus. Im Gegenteil - nach dem Zeitdruck wegen ablaufender Visa und Neubeschaffung von Visa der letzten Monate taugt uns das Zeitlassen und langsamere Fortwärtskommen.
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Öffentlicher Verkehr im Pamir (TJ, August 2008)
Öffentlicher Verkehr im Pamir (TJ, August 2008)
Das ist richtiges, intensives und sehr erlebnisreiches Radeln. Beeindruckend ist die Schotterpiste, wenn sie in einem schroffen und schmalen Talabschnitt verläuft. Dann gibt es auf einer Seite eine hunderte Meter steil aufsteigende Bergwand, und auf der anderen Seite - bis zu 100 Meter tiefer! - einen reissenden, schlammbraunen Fluss, dessen Wucht und Kraft mir gehörig Respekt einflösst. Wir beobachten Menschen, die mit ihren Autos immer wieder stehenbleiben und auf den Fluss herabblicken. Wir erfahren, dass ein Fahrzeug mit 5 Insassen von der Strasse abgekommen sein muss. Allerdings schon vor 4 Tagen, erst eine Vermisstenmeldung löste die Suche aus. In diesem extrem unübersichtlichen und unwegsamen Gelände ist ein Autowrack nicht leicht zu finden. Für die Insassen besteht sowieso keine Hoffnung mehr, 2 Tote wurden schon gefunden. Eine Woche davor starben angeblich 20 Leute im Fluss. Keine Wunder, bei der schlechten Strasse, ohne jeglichen Absperrungen und Warntafeln, und bei der Fahrweise, vor allem in der Nacht. Tragisch. Bei dem kleinen Ort Ajini kommen wir auf die M34. Eine grosse Bezeichnnung für eine unverändert kleine, schmale Schotterpiste. Trotzdem ist die aber die wichtige Verbindung zwischen Taschkent, der usbekischen Hauptstadt und Dushanbe. Neben ein paar Lebensmitteleinkäufen finden wir sogar eine Internetmöglichkeit, nach einiger Zeit erscheint dort ein Mann der uns
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Tolles Tal auf dem Weg von Dushanbe nach Kalaikum (TJ, August 2008)
Tolles Tal auf dem Weg von Dushanbe nach Kalaikum (TJ, August 2008)
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tatsächlich einen KGB Ausweis unter die Nase hält. Missgelaunt gebe ich ihm meinen Pass. Diese ganze ex-sowjetische Kontrollmaschinerie geht mir langsam auf die Nerven. Auch wenn die Strasse der M34 unverändert schlecht bleibt, so ändert sich doch eines: der Verkehr. Der nimmt merklich zu, und wir, unsere Räder und das Gepäck werden dick mit Staub überzogen. Besonders beim anstregenden Hinaufquälen ist das sehr störend. Aber es gibt hin und wieder Brückensperren, da reihen sich dann zahlreiche LKWs aneinander und dürfen für Stunden nicht passieren. Wir aber dürfen passieren und so gehört uns dann die Strasse ganz alleine. Als wir uns langsam Dushanbe nähern, gibt es immer mehr Baustellen. Chinesische Bauarbeiter und Maschinen sind eifrig mit einer Erneuerung beschäftigt. Ich schätze in so 2 Jahren dürfte alles fertig sein, und man kann auf Asfalt nach Dushanbe gleiten. Jetzt allerdings ist noch alles im Chaos, und wir quälen uns über tiefen Schotter und Staub. Die Landschaft bleibt aber unverändert atemberaubend. Wir kampieren direkt am Fluss, und abends bei eine Chaykana gönnen Dirk und ich uns noch ein oder zwei Baltika, das hervorragende russische Bier und lassen nochmals den tollen Tag im Geiste Revue passieren. Einmalig!

Überschwemmung auf 2600 Meter

Einen 3200 Meter hohen Pass gilt es noch zu überqueren. Fast 2000 Höhenmeter schraubt sich die Strasse in die Höhe. Schlechte Strasse und zahlreiche LKWs, die sich ebenfalls im Schneckentempo den Berg hinaufquälen, machen dieses Vorhaben nicht unbedint leichter. Aber wir teilen uns die Etappen gut ein, und können trotzdem das tolle Bergpanorama - diesmal von höher oben - geniessen. Wasser bunkern wir, wie in ganz Tadschikistan, bei jeder Gelegenheit, wo es einen klaren Bach gibt bzw. bei Chaikanas, bei denen es immer einen
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Dirk beim Aufstieg zum Anzob Pass (TJ, August 2008)
Dirk beim Aufstieg zum Anzob Pass (TJ, August 2008)
guten Trinkbrunnen gibt. Nur sicherheitshalber desinfizieren wir das Wasser noch um uns den einen oder anderen Durchfall zu ersparen. An sich ist das Wasser kalt und glasklar. In dem steilen Gelände finden wir nicht leicht eine Übernachtungsmöglichkeit. Knapp überhalb der Strasse gibt es eine Möglichkeit, dort wo normalerweise Fahrzeuge für eine ganz in der Nähe liegende Bergbaumine stehen. Exklusiver Schlafplatz - wir schlafen im Freien und geniessen eine fantastische Aussicht auf die nächstgelegene Bergkette. Gegenüber sehr wir die Serpentinen, die wir am nächsten Tag radeln werden. Mitten in einer Kurve ist ein herunterkommender PKW in einen hinauffahrenden LKW gekracht. Nur Blechschaden, die Familie geht zu Fuss die Strasse hinunter. Nachts kommt sogar deswegen noch die Polizei hinauf, und
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Super Übernachtungsplatz - vor Anzob Pass (TJ, August 2008)
Super Übernachtungsplatz - vor Anzob Pass (TJ, August 2008)
am nächsten Tag ist sogar der kaputte PKW weggeräumt. Manchmal wundere ich mich schon, wie das in so einem Land wie Tadschikistan funktioniert. Um 4 Uhr in der Früh plötzlich ohrenbetäubender Lärm - ich schrecke auf. Nur 20 Meter von unserem Schlafplatz entfernt lässt der erste Minenzug seine Abraumlast den Abhang hinunter. Glück gehabt. Am nächsten Vormittag klettern wir bis auf 2600 Meter hinauf, und erreichen einen neuen Tunnel, der gebaut wurde, um die Strasse auch im Winter offenhalten zu können. Daher wird die weitere Strasse hinauf über den Pass nicht mehr gewartet und ist an mehreren Stellen verschüttet. Mit dem Fahrrad wäre es sicher trotzdem möglich, aber wir entschliessen uns, den Tunnel zu nehmen. Das Problem: einerseits raucht unaufhörlich Fahrzeugqualm aus dem unbelüfteten Tunnel, und vor allem - ein kleiner Fluss fliesst heraus. Obwohl neu gebaut steht der Tunnel wegen Konstruktionsfehlern oder wegen fehlenden Dichtungen unter Wasser! So tief, dass man mit dem Fahrrad unmöglich die 5 Kilometer Länge schafft. Die zweite Tunnelröhre ist komplett ungenützt, davor hat sich ein kleiner See gebildet. Unglaublich was hier an Geld in den Sand – besser gesagt ins Wasser - gesetzt worden ist.
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Wasser im neuen Tunnel unterhalb des Anzob Passes (TJ, August 2008)
Wasser im neuen Tunnel unterhalb des Anzob Passes (TJ, August 2008)
Aber nicht nur Geld - auch Menschenleben, wie eine Gedenktafel bezeugt. Für einen nicht richtig funktionierenden Tunnel! So warten wir auf einen Lift, und fahren dann mit einem alten, russischen Kleinbus durch den sehr dunklen, stinkigen und holprig-unasfaltierten Tunnel - oder wäre "schwimmen" vielleicht der bessere Ausdruck? Abgeladen werden wir bei einer Strassenarbeiterkantine, und da es Mittagszeit ist, dürfen wir gleich kostenlos mit den Arbeitern mitessen! Die Baustellen entlang der Strasse nehmen kein Ende, und die Ausweichstrecken sind meist noch schlechter als die alten Schotterabschnitte. Aber die Baufortschritte sind hier schon ablesbar, und erste Asfaltmeter nehmen wir unter die Räder. Dann passieren wir eine hunderte Meter lange LKW- und PKW-Schlange. Der Grund: ein Abschnitt wird gerade frisch asfaltiert. Wir können aber am Rande vorbei, und so haben wir danach eine leere, perfekt und glatt asfaltierte Strasse für uns alleine. Die beste Strasse der ganzen Tour! Und das Mitten in den Bergen von Tadschikistan!

Dushanbe

Nach einem "romantischen" Kampierplatz gleich bei einem Fluss - Kanadafeeling inklusive Baltika! - rollen wir ohne Anstrengung auf Asfalt hinunter zur tadschikischen Hauptstadt Dushanbe. Vorbei an abartig modernen und irgendwie "europäischen" Häusern und Villen in den Vororten in den Bergen. Wochenend- und Urlaubsresorts für die reichen Hauptstädter. Dushanbe hat "nur" rund 600.000 Einwohner, und dementsprechend leicht ist das Hineinradeln, und dementsprechend ruhig und relaxed ist die Stadt. Sicher meine ruhigste Landeshauptstadt in der ich mit dem Fahrrad war. Wir blieben einen Tag dort, um uns ein wenig zu erholen und ein paar Sachen zu erledigen. Allem voran ein DHL Paket abzuholen, in dem wichtige Sachen für Dirk und Bine drinnen sind. Und um unser - per Internet in Usbekistan organisiertes - GBAO Permit abzuholen. Eine Genehmigung, mit der wir später den Pamir Highway unter die Räder nehmen können. Ansonsten genossen Bine und ich das etwas andere Essen, vor allem das Hähnchen von "Southern Fried Chicken" hat es uns angetan. Und der Platz mit einem Springbrunnen, rundherum lauter Tische und Sesseln von Schaschlik Buden. Abends haben wir dort das eine oder andere Baltika zu uns genommen und haben eine Menge geplaudert. Sehr gemütlich. Am Abreisetag treffen wir noch auf ein paar Reiseradler, die aus der entgegengesetzten Richtung kommen. Wir geben und bekommen einige Infos über die jeweils zurückgelegten Strecken und tauschten natürlich ein paar typische Radleranektoden aus. Ein Ostdeutscher hat mit Freunden und einem gemieteten Jeep den Pamir erkundet. Begeistert erzählt er von kleinen Tälern in denen sie wanderten, von blauen Seen in denen sie fischten und von Aussichtspunkten, zu denen sie aufstiegen und den tollen Karakol See sehen konnten. Genau so gehört der Pamir erkundet, und die Begeisterung dieses Mannes ist ansteckend. Backpacker, die einen Lift von Kirgisien nach Dushanbe ergattern konnten, sahen vergleichsweise überhaupt nichts. Für mich stellt sich da die Frage warum man überhaupt durch Tadschikistan reisen will. Egal, etwas später rollen wir zu dritt aus Dushanbe. Auf zum Pamir.

Zur afghanischen Grenze

Am ersten Tag haben wir noch Asfalt unter unseren tapferen Schwalbereifen. Danach haben wir wieder unsere "normale" Rauf-und-Runter-Schotterpist. Aber wir geniessen auch wieder eine atemberaubende Bergwelt. Es ist einfach toll, wie reich Tadschikistan an landschaftlichen Schönheiten ist. Es ist eigentlich unverantwortlich, dass die deutschen und österreichischen Aussenministerien vor Reisen nach Tadschikistan abraten, ein Riesenschaden und vollkommen ungerechtfertigt. Zum Glück sehen wir, vor allem später am Hochplateau, einige Reisegruppen. Alle lassen sich nicht von solchen ängstlichen Blödheiten abhalten. Tagsüber wird es immer noch sehr heiss. Und da wir gemütlich reisen wollen, machen wir zur Mittagszeit eine 2-3 stündige Mittagspause. Meist bei oft sehr netten Chaykanas, die ihre typischen Möbel - ein grosses, bettartiges Gestell mit Teppich ausgelegt und in der Mitte ein kleiner, niedriger Tisch - im Schatten aufgestellt haben.
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Tolle Landschaft des Pamir - auf dem Weg nach Khorog (TJ, August 2008)
Tolle Landschaft des Pamir - auf dem Weg nach Khorog (TJ, August 2008)
Dort gibt es leider allerdings nicht viel, und immer das gleiche. Eigentlich meist nur eine Suppe, Tee und Brot, manchmal auch Spiegelei. Diesbezüglich unterscheiden sich die Länder Kasachstan, Usbekistan und eben Tadschikistan nicht viel. Kein Wunder, dass ich meine Rippen schon ganz leicht zählen kann. Wie auch immer, nach dem Essen legen wir uns dort auch die eine oder andere Stunde aufs Ohr um die Mittagshitze abzuwarten. Aber die kulinarische Eintönigkeit und Kargheit wird von den tollen und intensiven Erlebnissen in diesem Land mehr als aufgewogen. Es gibt einige Bäche zu überqueren, die über die Strasse fliessen. Das gleiche machen auch viele Kleinbusse aus China. Diese werden nämlich an der chinesischen Grenze abgeholt, und dann über den Pamir Highway und den brutalen Strassen des Pamirs nach Dushanbe überstellt. Wenn diese dann als Neuwagen übergeben werden, haben sie allerdings schon zahlreiche Pässe und Bäche überquert... Ein solcher Pass wartet nun vor uns - der 3255 hohe Sagirdash Pass. Und diese fast 2000 Höhenmeter müssen wir hier wirklich radeln. Es gibt nämlich diesmal keinen Tunnel! Mit Respekt nähern wir uns, und nach einem letzten Checkpoint beginnt nun die Schotterstrasse stetig zu steigen. Manche Abschnitte sind steil und tief schottrig, sehr anstregend. Besonders für Bine, die hier dem Verzweiflen nahe ist. Ein genialer Mittagsplatz hoch oben am Hang unter einem schattigen Baum entschädigt dann aber wieder für die Mühen. Am Nachmittag erreichen wir noch eine letzte Raststation mit gutem Wasser. Danach wollen wir eigentlich bald unser Zelt aufstellen. Doch der Hang, den wir hinaufgondeln, bietet einfach keine Möglichkeit zum Zelten. So radeln wir länger und höher hinauf als es Bine lieb ist. Sie ist schon ziemlich fertig, als wir dann bei der letzten Chaykana auf 2800 Meter Seehöhe unser Nachtquartier aufschlagen. Das Panomara über die Bergwelt hinweg ist einfach toll.
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Fahrt hinunter vom Sagirdas Pass nach Kailakum (TJ, August 2008)
Fahrt hinunter vom Sagirdas Pass nach Kailakum (TJ, August 2008)
Es ist abends und vor allem nachts merklich kühler. Erstmals seit langer, langer Zeit packen wir unsere wärmere Kleidung aus. Das selbstgemachte Essen schmeckt besonders gut, und der tiefe Schlaf tut gut. Am nächsten Tag, bei blauem Himmel geniessen wir nochmals das Panorama ehe wir die letzten 500 Höhenmeter in Angriff nehmen. Die Schotterrpiste ist gut und die Steigung hier oben gemässigt. Es ist ein Genuss und Privileg bei dem Wetter und diesen Bergen radeln zu können. So erreichen wir Vormittags den Pass, der eher unspektakulär und keine gute Aussicht bietet. Wir sind ganz happy, für Bine ist dieser Pass etwas ganz besonderes. Nach diesen langen Anstrengungen erreicht sie mit ihrem Fahrrad den weitaus höchsten Punkt ihres Lebens. Am Pamir Highway wird sie allerdings diesen Rekord nochmals um weitere fast 1400 Höhenmeter übertreffen. Jetzt freuen wir uns aber einmal und trinken zu dritt eine Mini-Flasche Wodka, die mir ein Freund beim Abschied in Wien geschenkt hat. Prost! Nun gehts an die Abfahrt, die ich bei Pistenstrassen gar nicht so mag, da man das schwere Reiserad unter Anstrengung und Materialverschleiss runterbremsen muss. Anfangs ist die Piste noch gut und das Gefälle moderat, später wirds dann brutaler, und die Strasse windet sich in vielen, vielen Spitzkehren den steilen Hang hinunter. Schliesslich und endlich erreichen wir nach einer Abfahrt von 2000 Höhenmeter den Talboden.
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Rast in einer typischen Chaykana - vor Khorog (TJ, August 2008)
Rast in einer typischen Chaykana - vor Khorog (TJ, August 2008)
Asfalt beginnt und wir rollen die letzten Kilometer nach Kaiaikum, entlang eines wunderschönen, türkisblauen Baches. Eine schöne Chaykana direkt am Fluss im Schatten versorgt uns mit Essen und dem obligaten Baltika Bier.

Blicke in eine andere, fremde Welt

Nach Khorog, der einzigen wichtigen Stadt der Gegend, geht es nun immer den Pang Fluss entlang, der die ganze Strecke über die Grenze zum südlich gelegenen Afghanistan bildet. Auch wenn nun die Strasse meist eine alte, wellige Asfaltdecke hat, so geht es trotzdem andauernd rauf und runter. So machen wir trotzdem so unsere 800 Höhenmeter täglich, auch wenn wir andauernd im Flusstal bleiben. An engen Stellen ist man vielleicht nur 50-100 Meter von Afghanistan entfernt. Aber es scheint trotz der räumlichen Nähe eine ganz andere Welt zu sein. Wir beobachten Afghanen, in weiten Pluderhosen und Turban gekleidet und mit Vollbärten ausgestattet, wie sie mit ihren Eseln die schmalen Pfade entlang des Flusses überwinden, die die kleinen Orte miteinander verbinden. Strassen sind hier in dem ganz nördlich von Afghanistan gelegenen und abgeschiedenen Gebiet nicht existent.
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Von rechts nach links: tadschikische Strasse, Panj Fluss und ein afghanisches Dorf (TJ, August 2008)
Von rechts nach links: tadschikische Strasse, Panj Fluss und ein afghanisches Dorf (TJ, August 2008)
Die steil aufragenden Berge verhindern ein Fortkommen nach Süden. So bleiben diese schmalen, waghalsig angelegten Eselspfade, die in die steilsten Felswände und steilsten Hänge hineingeschlagen wurden, die einzige und daher umso wichtigere Verbindung für den Handel. Ich male mir aus, wie diese Händler im Winter hier vorankommen, und wieviele Tiere und sogar Menschen wohl hier entlang der hunderte von Kilometer langen Tal ihr Leben lassen mussten. Denn ein Fehltritt und der reissende Fluss darunter lässt wohl niemanden eine Chance. Blicke in eine andere, faszierende Welt. Eine Welt, wie sie wohl vor 200 Jahren auch schon ausgesehen haben muss.

Armes Land, reich an Minen

Auf unserer, auf der tadschikischen Seite gibt es zwar nur eine kleine Strasse, aber in Verbindung mit den PKWs und LKWs ist diese Verbindung um Welten schneller und bequemer als die, die nur 100 Meter auf der anderen Flussseite verläuft. Hier ist es wirklich ein richtiger Highway. Das Verhältnis der beiden Länder ist nicht das beste. Die zwei Grenzübergänge, die wir sehen sind meist geschlossen. Viel normalen Handel gibt es nicht. Allerdings soll es hier eine Menge an Opiumhandel geben, an dem beide Seiten ordentlich verdienen. Wir merken davon nichts. Eindeutig allerdings sind die vielen Warnschilder, die auf die vielen noch nicht entschärften Landminen auf beiden Seiten der Strasse hinweisen. Ein Relikt aus den kriegerischen Auseinandersetzung, den Russland bzw. Tadschikistan mit den islamischen Fundamentalisten aus Afghanistan hatte.
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Vorsicht, Landminen! Auf dem Weg nach Khorog (TJ, August 2008)
Vorsicht, Landminen! Auf dem Weg nach Khorog (TJ, August 2008)
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Kriegsrelikt vom tadschikisch-afghanischen Konflikt - vor Khorog (TJ, August 2008)
Kriegsrelikt vom tadschikisch-afghanischen Konflikt - vor Khorog (TJ, August 2008)
So müssen wir bei der Zeltplatzsuche besonders aufpassen. Wenn wir nicht sicher sind, so fragen wir ob wir in einem Obstgarten oder ähnlichem aufschlagen können. Gleich in der ersten Nacht fragen wir bei einem Mann, ob wir in seinem Garten übernachten können. Er erlaubt es nicht nur, sondern will uns noch zum Tee einladen und schenkt uns noch - bevor er ins Dorf geht - noch einen Teller voller Weintrauben. Was für eine Gastfreundschaft. Negativ auffallend sind leider die vielen Kinder der vielen kleinen Ortschaften, die auf dem Weg nach Khorog liegen. Die Grenze zwischen aufgeregt, neugierig Begrüssen und aggressivem Verhalten ist fliessend. Ein paar Steine fallen auch in unsere Richtung, und einer von meinem Gepäckträger gestohlenen Colaflasche muss ich auch hinterher rennen. In ein paar Jahren wird das wohl noch um einiges schlechter werden, wenn weiterhin blöde, geschenkeverteilende Touristen hier Richtung Pamir Highway durchrasen. Aber die Menschen im allgemeinen sind hier, auch wegen ihrer zurückhaltende Art, sehr nett und hilfsbereit. Richtig zum Wohlfühlen. An den wenigen privaten PKWs, an den wenigen, billigen Artikeln der kleinen Shops, an der vielen Handarbeit und fehlenden Maschinen im Alltag merken wir oft, wie arm das Land ist. Besonders hier in den Bergtälern. Traktoren oder andere Hilfsgeräte, nicht einmal Eselskarren werden hier im unwegsamen Gelände verwendet. Meist alles händisch bearbeitet und getragen. So sehen wir in zahlreichen Orten Hinweise auf europäische Hilfsprojekte - für Bewässerungssystem, Behausung, Schafs- und Ziegenzucht oder Obstanbau. Angeblich kann sich Tadschikistan nun zu einem grossen Teil wieder selbst versorgen.

2 x Baltika 9=schlecht

An die steile, unwegsame Bergwelt haben wir uns ja fast schon "gewöhnt", aber der Blick hinüber nach Afghanistan fasziniert mich immer wieder. Wieder winke ich zwei Händlern zu, die mit ihren Eseln und laut singend dem schmalen Weg folgen. So bleiben auch die letzten Kilometer bis Khorog stets interessant. Auch wegen Dirk. Denn einerseits beschäftigt er uns immer wieder mit seinen zahlreichen Platten, Speichenbruch und Schaltungsproblem, und andererseits führte der Genuss von zwei 8-prozentigen Baltika (dem „Baltika 9“ ) Bieren in der Mittagshitze mit anschliessendem anstrengendem Bergauf-Radeln in der Nachmittagshitze zur plötzlichen Übelkeit und zahlreichem Erbrechen. Vollkommen erledigt und erschöpft liegt er am Boden, die Strasse ist leider gerade hier extrem schlecht, und das Gelände steil und unwegsam. Ich finde einen Felsüberhang gleich neben der Strasse, unter dem wir es uns dann für die Nachtruhe bequem machen. Der Sternenhimmel ist, und es waren wirklich Sterne da ich selbst nur 2 "normale" Baltika zu mir genommen habe, einfach grandios. Am nächsten Tag essen wir in einem russischen Kafe zu Mittag. Wir bekommen Spiegelei, und da wir das schon lang nicht mehr essen konnten, bestellte Bine für sich ingesamt 6 Stück. Ob das mit meiner Bestellung eines Baltikas zu tun oder nicht, weiss ich nicht. An diesem Nachmittag war Bine auf jeden Fall super drauf und ist Dirk und mir richtiggehend davongeradelt. Spiegeleier sind anscheinend der Turbo für Bine.
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Strasse entlang des Panj Flusses (TJ, August 2008)
Strasse entlang des Panj Flusses (TJ, August 2008)
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Entlang dem Panj Fluss und der afghanischen Grenze nach Khorog (TJ, August 2008)
Entlang dem Panj Fluss und der afghanischen Grenze nach Khorog (TJ, August 2008)
Am nächsten Tag, kurz vor Khorog, nocheinmal Hundealarm. Bine findet einen kleinen, hilflosen Hund, der ziellos umherrennt und bei jedem Schutz sucht. Bine ist wieder voller Mitleid für den kleinen Kläffer, bei mir läuten die Alarmglocken. Dass ein Hund auf dieser Tour für uns nichts ist, haben wir leidvoll in Kasachstan erfahren. Ein Mitnehmen kommt daher für mich nicht in Frage. Bine winkt eine neugierige Frau, die oben am Hang wohnt, herbei. Sie nimmt sich gleich liebevoll dem Kleinen an, nimmt ihn gleich in die Hände, was sehr ungewöhnlich für Asien ist, und bedankt sich sogar bei Bine. Wir beide denken, dass er bei der jungen Frau gut aufgehoben ist. Erleichtert rollen wir weiter bis nach Khorog.
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